17.06.2026

Die EuroCucina entfaltete auch in diesem Jahr ihren unnachahmlichen Sog. Weit über 300.000 Besucher lassen sich durch Mailand treiben. Nicht alle werden mit Blick auf Neuheiten fündig, dafür wächst die Gewissheit: Austausch und Inszenierung zählen zum Kern des Küchengeschäfts.

Die runde Küche bildete das Überthema der diesjährigen EuroCucina. Cesar Cucine zeigt, dass sich das Thema ganzheitlich denken lässt – vom Korpus bis zum Ansatztisch. Foto: Susanne Maerzke

Eine besondere Vision teilte next125 auf dem diesjährigen „Fuorisalone“: In der Veranstaltungsstätte Superstudio Più sorgte die dreidimensionale Installation „UN:FOLD“ des indischen Architekten Ankon Mitra aus gefaltetem Aluminium für Aufsehen. Die Botschaft: Präzision, Handwerk und den Blick für das Besondere, den die Designmarke teilt. Foto: Susanne Maerzke

Einbaugeräte inszenieren sich mitunter nicht nur als Designobjekt, sondern verschmelzen sogar mit dem eigentlichen Küchendesign. Das demonstrieren Veneta Cucine und Electrolux im Rahmen einer Kooperation. Foto: Susanne Maerzke

Dieser Beitrag ist in KÜCHENPLANER 5/6 2026 erschienen.


Von Heimkehr war in diesen Tagen oft die Rede, von einer Wiederkehr und vom Bleiben. Mailand, das ließ sich im Gespräch mit verschiedenen Akteuren der internationalen Küchenleitmesse EuroCucina schnell feststellen, legt alle zwei Jahre eine ganz eigene Dynamik an den Tag. Ein Messemarathon im Sprintformat, den viele fürchten, schließlich doch wagen und am Ende Sätze sagen wie: „Wir sind jetzt endgültig hier angekommen.“

Sprung in die Innenstadt
So formulierte es jedenfalls Stefan Waldenmaier, Vorstandsvorsitzender der LEICHT Küchen AG, dessen Unternehmen 2026 zum Messedoppel aus Salone del Mobile und EuroCucina vom 20. bis zum 26. April erstmals den Sprung vom Messegelände der Rho Fiera in die Mailänder Innenstadt wagte. Was ursprünglich gar nicht geplant war, weil zu Messezeiten in der italienischen Metropole nicht nur alles ausgebucht, sondern auch völlig überteuert ist – Lokale, Locations, Hotelzimmer. Als dann über Umwege allerdings das Angebot kam, im Glasanbau des historischen Kunstmuseums Poldi Pezzoli auszustellen – eine lichtdurchflutete Orangerie, eingebettet zwischen Jugendstilfassade und grüner Gartenoase – da konnte auch Stefan Waldenmaier nicht mehr Nein sagen.
Zu groß die Chance, LEICHT Küchen damit endgültig auf Architekturniveau zu heben. Oder im Stadtbild zumindest direkt gegenüber von Molteni zu platzieren, einer der exklusivsten italienischen Möbelmarken, dessen Begründer Angelo Molteni als Mit-Initiator des allerersten Salone del Mobile 1961 in Mailand gilt. Von den unglaublich langen Schlangen, die sich vor dem Gebäude entlang der Via Manzoni zum Auftakt der Messe traditionell bilden, dürfte in diesem Jahr jedenfalls auch LEICHT profitiert haben: Mit seiner markant platzierten Fahne und der Aufschrift „Art is now.“ bot sich von dort aus ein unverstellter Blick auf das buchstäbliche Aushängeschild der deutschen Küchenlandschaft an.

Mehr Markennähe
Ein wenig versteckter, aber nicht minder nobel, verbarg sich der neue Auftritt von SieMatic im Innenhof der Fondazione Adolfo Pini. Der Premiumproduzent lud ins „Colourful Tomorrow“ ein – eine Zuschreibung, mit der nicht allein die umfangreiche Farbpalette für lackierte Fronten, sondern gewissermaßen auch der Aufbruch in eine neue Markenidentität adressiert wurde.
„Eine Marke muss menschlich sein“, erklärte SieMatic-CEO Olaf Hoppe die Entscheidung für das diesjährige Messemotto. Schon allein deshalb habe er in den vergangenen anderthalb Jahren seit seinem Antritt in Löhne verstärkt den Kontakt zu Wegbegleitern auf der ganzen Welt gesucht, sei nach Amerika und Asien geflogen, habe mit deutschen Handelspartnern gesprochen. „Ich habe sehr viele Verbindungen aufgebaut“, so Hoppe. „Das hat die Nähe zu dieser Marke auch ein bisschen verändert.“
SieMatic soll unter Olaf Hoppe zwar konsequent im Luxussegment positioniert werden, aber künftig zugänglicher und ganzheitlicher gestaltet sein: Mit einem frischen Farbsystem und neu entwickelten Store-Elementen, die sich weltweit in allen Showrooms einheitlich einsetzen lassen – darunter einem eigens entwickelten Raumparfüm, Vitrinengläsern mit Strukturschliff und einer monolithischen, diskret hinterleuchteten Wandpaneele aus Taj Mahal für offene Raumregale. Wobei selbst Hoppe als vormaliger Neuzugang im Küchensektor schon weiß, dass sich Veränderungen innerhalb der Branche nur langsam umsetzen lassen. „Der neugierige Blick nach vorne, das fehlt unserer Industrie“, sagt er. „Die Küchenbranche ist vielerorts – positiv gesprochen – noch sehr verankert in ihrer Tradition.“

Niemand hört zu
Ausgerechnet in diesem Jahr wurde dann aber doch von einigen deutschen Akteuren mit eben jenen Traditionen gebrochen: So sagte unter anderem die Luxusküchenmarke bulthaup ihre Teilnahme an der EuroCucina nur wenige Wochen vor Messebeginn kurzfristig ab. Inhaber Marc Eckert begründete den radikalen Schritt mit einer Messemüdigkeit, die sich seit längerem in ihm und anderen Teilnehmenden breitgemacht hätte und die zunehmend auch beim Publikum zu spüren sei. „Man investiert im Vorfeld so viel Zeit, Energie und Geld in eine Handvoll Tage, in denen man dann sehr schnelllebig vermitteln soll, wofür die Marke eigentlich steht. Dabei hört auf Messen doch ohnehin niemand mehr zu“, so Eckert. „Die meisten hetzen von einem Termin zum nächsten, auch Journalisten und Handelspartner. Am Ende dreht sich die Welt nach diesen vier Tagen weiter – und man fragt sich, ob die eigentliche Botschaft angekommen ist.“
Hinzugekommen seien für ihn untragbare Messe- und Mietbedingungen in Mailand, die Ausdruck eines unersättlichen Größenwahns in der italienischen Metropole seien. „Als der Messebauer vier Wochen vor Start sein Angebot an uns um 500 Prozent erhöht hat, habe ich gesagt: Es reicht.“ Fortan will der bulthaup-Chef die Neuheiten des Unternehmens – zu denen 2026 ein neues Möbelraster, 3D-geformte Kunststoffoberflächen und Licht als zentrales Oberthema gehört hätten – in einem persönlicheren Rahmen vorstellen. Für Herbst diesen Jahres ist ein globales Partnerevent geplant, das bulthaup über Streaming- und Podcast-Plattformen parallel für Endkundinnen und Endkunden visibel machen will. Ähnlich wie Olaf Hoppe formuliert es also auch Marc Eckert: „Menschen legen Wert auf einen Ort, der Nähe und Wärme ausstrahlt. Daran setzen wir mit unseren Küchen an.“

Euphorisch durch die Krise
Das Doppel aus Salone del Mobile und EuroCucina – es versteht sich wohl genau als diesen Ort, an den die Leute pilgern, um sich von den rund 1.900 Ausstellern auf dem Messegelände und den mehr als 300 Showrooms sowie 1.600 Installationen und Events in der Innenstadt inspirieren und begeistern zu lassen. Auch 2026 trifft das zu. Trotz aller Skepsis im Vorfeld, inwiefern sich die Krise und ein schwaches Konsumklima thematisch überbrücken lassen würden – in einer Zeit, in der Messeformate ohnehin genauestens auf dem Prüfstand stehen – hat es Mailand erneut geschafft, zu euphorisieren.
Vielleicht auch deshalb, weil jeder mithalten wollte im Strudel aus Botschaften, Eindrücken und Emotionen. In den „Pure Garden“ lockte beispielsweise der Schweizer Hersteller Franke mit einer einfahrbaren und beleuchteten Armaturenbox, die die Armatur als letztes Überbleibsel einer zunehmend versteckten Geräte- und Zubehörlandschaft künftig endgültig aus dem Blickfeld verschwinden lässt.
Ins nihilistische Jenseits überführte auch Gaggenau seine Geräte der „Expressive“- und „Minimalistic“-Series“, die im Garten der Villa Necchi innerhalb einer tempelartigen Anlage aus Betonsäulen, Travertin und Glas wie Statussymbole inmitten von Stille inszeniert wurden. In der vom Münchner Architekturbüro 1zu33 entwickelten Ausstellung unter dem Titel „Presence“ sollte die Komposition aus Licht, räumlicher Weite und klarem Materialfokus der absoluten Reduktion die Bühne bereiten. Die passende Einordnung gab Gaggenau seinen Besuchern gleich zu Beginn des Rundgangs auf einem Schild mit auf den Weg: „When the world quiets, presence speaks.“

Messbarer Andrang
Von Stille und Weite konnte dagegen auf dem übervollen Messegelände der Mailänder Rho Fiera nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil: Warteschlangen von bis zu einer Stunde vor den Ständen der italienischen Küchenspezialisten demonstrierten eindrucksvoll, dass das Konzept Messe im internationalen Kontext – auch mit Blick aufs Exportgeschäft und unter dem Aspekt der Vergleichbarkeit – nach wie vor seine Berechtigung hat. Oder eben schlichtweg, dass die Italiener ihre „Tür“ besser im Griff hatten.
Denn was bei den einen Spannung durch Selektion erzeugte, sorgte bei den anderen, mehrheitlich deutschen Ständen für proppenvolle Gänge, die mitunter kein Durchkommen zuließen. Was wiederum ein großes Interesse seitens der Besucherinnen und Besucher signalisierte, wie Nolte-Vertriebschef Heiko Maibach zu verstehen gab; Schon allein am ersten Tag habe das Team von Nolte Küchen demnach rund viereinhalbtausend Zutritte am Stand verzeichnet. Vor allem aus Korea, Taiwan, China und dem Nahen und Mittleren Osten sei das Publikum sehr aktiv, so Maibach. „Mailand beweist damit einmal mehr, dass die Stadt als internationales Messezentrum wichtig ist und bleibt.“
Das bekräftigte auch Dr. Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter von Miele, am stark frequentierten Stand der Gütersloher. Unter dem Motto „Designed to Move with You“ konzipierte der Gerätebauer auf der diesjährigen EuroCucina ein völlig neues Standdesign, auf dem die verschiedenen Produktinnovationen von Kochfeld bis Outdoorküche als Stationen des Alltags fließend ineinander übergingen. Neben interaktiven Kochformaten und Stand-Infotainment standen für Miele aber auch Hintergrundgespräche mit Zulieferern und internationalem Publikum auf dem Plan: So zeigte sich Christian Gerwens, Senior Vice President für die DACH-Region Miele, beeindruckt vom Besuch eines Generalunternehmers aus dem Libanon, der die Waffenruhe im derzeitigen Kriegsgebiet nutzte, um nach Mailand zu fliegen. „Das nenne ich mal Einsatzbereitschaft und Loyalität“, so Gerwens. Die Messe sei eine der wenigen Möglichkeiten, ganz unterschiedliche Handelspartner an einen Tisch zu bringen.

Wenig Trendneuheiten
Dass sich die EuroCucina 2026 ein wenig wie Heimkommen anfühlte, dürfte derweil nicht nur an der ausgeblendeten Krisenstimmung gelegen haben, die im Medienrummel von Mailand für wenige Tage außenvorblieb. Sondern auch, weil sich – inhaltlich wie optisch – wenig Wandel in Sachen Küchentrends zeigte. Mancherorts waren sogar noch die gleichen Küchenaufbauten von vor zwei Jahren zu sehen, in denen ein helles Korallrot und attraktive haptische Rillen das Frontbild flächendeckend geprägt hatten.
Mittlerweile ist die damalige Farbwelt vielerorts einem tiefen Bordeauxrot gewichen, das sich als Lack, Stoff und Stein gleichermaßen häufig bei Küchen- und Möbelherstellern zeigte. Begleitet wird die purpurrote Nuance von kühlem Chrom, hellem Eichenholz und dem Dreiklang aus Rille, Raster und Rundungen. Außerdem machen sich hier und da zarte ‘70s-Vibes bemerkbar, die das klare, einheitliche und zunehmend helle Bild der Küche mit einem kräftigen Gelb (z.B. Valcucine), Himmelblau (z.B. Scavolini, Next125), satten Braunton oder Grün (z.B. Nobilia, Veneta Cucine) anreicherten.
Ziemlich spannend: Veneta Cucine lässt durch eine exklusive Partnerschaft mit Electrolux sogar die Einbaugeräte der Marke – darunter Kochfelder und Backöfen – optisch in seinen Küchenplanungen aufgehen. Zur Auswahl stehen vier Farben von Beige bis Blau, die sich nahezu nahtlos in die entsprechende RAL-Farbe der Küchenoberfläche einfügen. Das schärft einmal mehr die geradlinige und unauffällige Präsenz der Küche.
Apropos unauffällig: 2026 ist es soweit. Weiß zieht erneut im großen Stil in den Küchenraum ein – in Form von hellem Stein, weiß lackierten Fronten und gleichfarbigen Polsterbezügen. Selbst Corian lässt sich wieder blicken, unter anderem bei Minotti Cucine. Ob das nun ein „Comeback“ oder ein „Coming Home“ für den deutschen Küchenfachhandel ist, der vielfach nichts anderes verkauft, darf jeder für sich selbst beantworten.

Bleibende Bedeutung
Für viele Akteure von Salone del Mobile und EuroCucina dürfte die Zeit der Euphorie nun erstmal wieder vorbei sein. Während die Küchenmöbelindustrie im Vergleich zum schwachen Vorjahr durchaus einen beachtlichen Aufschwung verzeichnet, trudelt die Möbel- und Polsterindustrie den roten Zahlen weiterhin nahezu ungebremst entgegen. Es ist deshalb berechtigt zu hinterfragen, welche Rolle ein scheinbar entrücktes Spektakel wie Mailand in der Realität von Industrie und Fachhandel spielt.
Zugleich hat das Messedoppel trotz leicht sinkender Abschlusszahlen – 2026 kamen etwa 316.300 Menschen auf das Gelände, rund 15 Prozent weniger als im Spitzenjahr 2024 – bewiesen, dass der vielfach beschworene Erlebniskonsum nicht erst im Showroom vor Ort beginnt. Sondern schon auf der Messefläche im Austausch zwischen Industrie und Handel von Bedeutung ist. Eben ganz so, wie es das Messemotto in diesem Jahr bereits vorausgesagt hatte: A Matter of Salone. Eine Messe, die nachhallt.

Susanne Maerzke