07.09.2026

Lehrfabrik der Möbelindustrie: Ein gutes erstes Jahr

Der Fachkräftemangel mag konjunkturbedingt gerade weniger spürbar sein, doch er ist da. Und er wird sich verschärfen. Eine Antwort darauf ist die Lehrfabrik Möbelindustrie in Löhne, die gerade ihr erstes vollständiges Ausbildungsjahr abgeschlossen hat. Ein guter Zeitpunkt für eine erste Zwischenbilanz.

Berichteten über das erste komplette Ausbildungsjahr und die Entwicklung der Lehrfabrik (Foto von links): Tobia Krüger (Ausbilder), Tanja Blomeyer (Organisation), Kebisan Kamalakumaran (Ausbilder) und Jan Kurth (Geschäftsführer Möbelverbände). Foto: Biermann

Auf einer Fläche von 3.700 Quadratmetern bildet die Lehrwerkstatt der Möbelindustrie den kompletten Produktionsprozess eines möbelverarbeitenden Unternehmens ab. Foto: Biermann

Inzwischen ergänzt eine Lackieranlage die Ausstattung der Lehrfabrik. Foto: Biermann

Am 4. September wurde das neue Boardinghaus eingeweiht. Diese Aufnahme entstand im Juli 2026, als die Arbeiten an den Außenanlagen noch im Gange waren. Auch im Inneren gab es noch einiges zu tun. Foto: Biermann

Diese Bilanz fällt grundlegend positiv aus, und mit der Eröffnung eines Boardinghouses direkt neben dem Bildungszentrum an der Schützenstraße in Löhne konnte am vergangenen Freitag weiterer Meilenstein gesetzt werden. Nicht mal zwei Jahre nach dem offiziellen Start der Lehrfabrik im November 2024. Die Erwartung an das neue Projekt ist groß, denn mit dem „Werre-Quartier Boardinghouse Löhne“ öffnet sich die Lehrfabrik noch stärker weiteren Zielgruppen und Branchen über die Kernregion Ostwestfalen-Lippe und die Möbelbranche hinaus, wie Jan Kurth, Geschäftsführer der Verbände der Deutschen Möbelindustrie und des Küchenmöbelverbandes VdDK, im KÜCHENPLANER-Gespräch berichtet. Das Gebäude bietet 30 möblierte Zimmer auf zwei Etagen, dazu Aufenthaltsbereiche, eine gemeinschaftliche Küche, Schulungs- und Fitnessraum, Dachterrasse und Gaming-Lounge. Rund neun Millionen Euro kostet der Bau, gut acht Millionen davon trägt die Förderung von Bund und Land.

Für alle Branchen offen
Das Boardinghouse richtet sich begleitend zur Lehrfabrik branchenübergreifend an Auszubildende und Fachkräfte aus dem In- und Ausland, inklusive Sprachkursen, interkultureller Begleitung und Karrierecoaching. Finanziert werden soll der laufende Betrieb über Mieteinnahmen. Betreiber ist ein Gastronom aus der Region: Friedrich Kirchner, der mit seinem Team seit vielen Jahren das Hotel Stickdorn in Bad Oeynhausen führt.
Auch wenn das Angebot Boardinghouse branchenübergreifend ausgerichtet ist, sollen die Aus- und Fortbildungsangebote der Lehrfabrik davon profitieren. Denn manchmal sind es schlicht Beschränkungen in der Mobilität der Interessenten, die es verhindern, dass ein Unternehmen die Angebote der Lehrfabrik für seine Auszubildenden und Mitarbeitenden nutzt. Etwa schlechte Verbindungen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, obwohl der Bahnhof Löhne nur fünf Minuten fußläufig von der Einrichtung entfernt liegt, oder ein fehlender Führerschein. Solche Barrieren räumt das neue Boardinghouse seit der Eröffnung am 4. September aus dem Weg.

Erstausbildung und Fortbildung
Das aktuelle Programm der Lehrfabrik ist vielfältig. Es bietet Angebote für die gewerbliche Erstausbildung, für Sonder- und Vertiefungsthemen der Möbelfertigung und als dritte Säule für Umschüler, die der Branche von der Bundesagentur für Arbeit vermittelt werden.
In der Erstausbildung stehen besonders die Berufsfelder Holzmechanik, Mechatronik, Industrieelektrik sowie Maschinen- und Anlagenführung im Nachfragefokus. Begleitend zu den Zeiten im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule finden pro Lehrjahr drei unterschiedliche vertiefende Kurse von zwei- bis dreiwöchiger Dauer statt. Der Schwerpunkt liegt in der Bedienung von Maschinen. Während im Fertigungsprozess der Ausbildungsbetriebe der Maschinenpark ununterbrochen laufen muss, lassen sich in der Lehrfabrik Abläufe unterbrechen und genauer verstehen. Dafür bildet die Bildungseinrichtung auf 3.700 Quadratmetern Fläche den kompletten Produktionsprozess eines möbelverarbeitenden Unternehmens ab. Vom Wareneingang über Zuschnitt und Bekantung bis zum Versand, ergänzt um Robotik-, Elektronik-, Pneumatik- und Logistik-Labore. Neu seit der Eröffnung dazugekommen ist eine Lackieranlage, eine Verpackungsstation sowie die Möglichkeit der Massivholzbearbeitung. Sämtliche Angebote orientieren sich an den offiziellen Lehrplänen der IHK und werden praxisnah vermittelt. „Uns ist wichtig, die jungen Leute so abzuholen, dass sie den Eindruck haben, mit den Inhalten direkt etwas anfangen zu können“, berichtet Tobias Krüger, einer von vier Ausbildern und als Tischler für die Holztechnik zuständig. So mündet jedes Kursthema in der Produktion eines individuellen Möbelstücks. Je nach Ausbildungsgrad kann es sich anfangs um einen einfachen Korpus handeln, später kommen Oberflächenvariationen, Beschläge und andere Möbeltechnik dazu. Oder die Integration eines Geheimfachs hinter einer verschiebbaren Zwischenwand.

Was wirklich gebraucht wird
Parallel zu den Erstausbildungsinhalten können in der Lehrfabrik Kurse zu ausgewählten Vertiefungsthemen gebucht werden. Die Bandbreite reicht von „Kante kompakt“ bis zur Handhabung einer CNC-Anlage. „Oder das weitläufige Thema Robotik“, wie Kebisan Kamalakumaran, Ausbilder Elektronik & Mechatronik mit einem Bachelor in Mechatronik, ergänzt. Für viele Absolventinnen und Absolventen böten die Kurse der Lehrfabrik die ersten Berührungspunkte mit diesen Anlagen, die in der Möbel- und Küchenmöbelfertigung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Als Einstieg ist die Teilnahme an einem dreitägigen Grundkurs möglich. Hinzu kommen aufbauende Inhalte. Das aktuelle Stichwort lautet „Co-Robotik“. Kebisan Kamalakumaran: „Die Anwendung der Robotik wandelt sich zunehmend von Anlagen, die im Fertigungsprozess geschützt hinter Zäunen autonom arbeiten, hin zur ‚Hand-zu-Hand‘-Interaktion der Fertigungsroboter mit den Mitarbeitenden.“ Aktuell reagiert die Lehrfabrik darauf mit der Einrichtung einer „Co-Robot“-Station.

Elektrik nach Bedarf
Auf eine hohe Nachfrage stoßen auch die EFKffT-Kurse. Das Kürzel steht für „Elektrotechnik für festgelegte Tätigkeiten“. Interessant ist dies besonders für Unternehmen, die keine eigene Elektrofachkraft beschäftigen, diese Kenntnisse aber punktuell im Fertigungsmanagement abrufen müssen. Konkrete Inhalte werden individuell abgesprochen. Mit diesem Angebot will sich die Lehrfabrik in Zukunft auch weiteren Branchen öffnen, denn der Bedarf an solchen Fähigkeiten ist hoch.

Kooperationen schließen
Mit Blick auf die Entwicklung der Angebote spielen Kooperationen eine grundlegende Rolle, wie Jan Kurth sagt. So wurden jüngst Kontakte zum Sägewerksverband geknüpft, um neben den Fachkräften für die Holzverarbeitung auch die der Holzbearbeitung in Löhne auszubilden und zu schulen. „Unser Kerngebiet bleibt die Möbelindustrie, aber wir werden uns verwandten Bereichen öffnen, zu denen inhaltlich starke Überschneidungen bestehen“, so der Geschäftsführer der Möbelverbände. Denn das Ziel ist formuliert: die beständige Annäherung an die mögliche Vollauslastung der Lehrfabrik mit rund 450 Absolventinnen und Absolventen jährlich. Im gerade abgeschlossenen ersten vollständigen Ausbildungsjahr 2025/26 liegt diese Quote bei knapp unter 70 Prozent. Das werten die Verantwortlichen als Erfolg, betonen aber, dass dieser Wert gesteigert werden soll.

Erst mal schauen, dann buchen
Gebucht wurden die Angebote im Bereich gewerbliche Erstausbildung in diesem ersten Jahr vorrangig von den Gründungsgesellschaftern der gemeinnützigen Genossenschaft (siehe Kastentext). Weitere Hersteller, gerade jene mit einer ausgereiften eigenen Ausbildungsorganisation, scheinen die Entwicklung der Lehrfabrik noch zu beobachten und buchen statt des großen Erstausbildungspakets eher punktuelle Fortbildungen. Aber das immer öfter, wie Tanja Blomeyer aus dem Verwaltungs- und Organisationsteam berichtet.

Offen sein
Damit sich die Lehrfabrik als bundesweites Vorzeigeprojekt im Bildungsmarkt weiter etabliert, wünscht sich Jan Kurth von der Küchen- und Möbelbranche besonders eins: „Offenheit, es über Teilangebote einfach mal auszuprobieren.“ Um dann vielleicht festzustellen, dass die Lehrfabrik auch für die Erstausbildung eine relevante Adresse ist.

Dirk Biermann


Wettbewerber kooperieren
Träger der Bildungseinrichtung ist die „Lehrfabrik Möbelindustrie gem. eG“, eine gemeinnützige Genossenschaft, die im Juli 2021 unter Federführung des Verbands der Holz- und Möbelindustrie Westfalen-Lippe (VHK) gemeinsam mit der Paderborner Zeus GmbH gegründet wurde. Zu den mittlerweile 17 Gesellschaftern (Stand Juli 2026) zählen aus der Küchenbranche Ballerina-Küchen, die baumann group mit Bauformat/burger, Egger, Eggersmann, Impuls Küchen, Nolte Küchen, Pronorm und Rotpunkt Küchen, dazu Wohn- und Büromöbelhersteller sowie der Kreis Herford und die Stadt Löhne. Diese Gesellschafter tragen auch das finanzielle Risiko für die Lehrwerkstatt und das Boardinghouse.
Das Bildungsangebot reicht von der Berufsorientierung über die duale Ausbildung von Holzmechanikern, Mechatronikern, Fachinformatikern, Maschinen- und Anlagenführern und weiteren Berufen bis zur Weiterbildung und zum Bachelor Professional Holz. Als Teil der BANG-Netzwerke (Berufliches AusbildungsNetzwerk im Gewerbebereich) versteht sich die Lehrfabrik als dritte Säule neben Betrieb und Berufsschule. Mehr Bedeutung als vorab erwartet hat der Bereich der Umschulungen.
Den laufenden Betrieb leitet Markus Kamann als geschäftsführender Vorstand, hauptberuflich bei der Zeus GmbH. Zum Team der Lehrwerkstatt zählen vier Ausbilder und sechs weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Vertrieb, Marketing und Verwaltung/Organisation.