17.09.2026

Die area30 entwickelt sich im Dialog

Anfang des Jahres hat Christopher Boss die Geschäftsführung des Messeveranstalters trendfairs übernommen und hatte gleich alle Hände voll zu tun. Wir haben mit ihm über seine ersten Monate in der Küchenbranche gesprochen. Und über die aktuellen und künftigen Pläne zur Fach- und Ordermesse area30.

Im kreativen Gedankenaustausch mit Branchenvertretern bei einem ThinkTank in Frankfurt im Juli 2026: trendfairs-Geschäftsführer Christopher Boss. Foto: trendfairs

KÜCHENPLANER: Sie sind zum Zeitpunkt unseres Gesprächs am 3. August genau 214 Tage im Amt. Haben Sie Ihre Reisekilometer schon mal zusammengezählt? Und die Zahl der besuchten Firmen?
Christopher Boss: Die Kilometer habe ich in Summe nicht gezählt und die Anzahl der besuchten Kontakte vermag ich nur zu schätzen. Doch jedes einzelne Gespräch war es wert und gibt mir ein immer klareres Bild von der Branche und den Erwartungen. Im persönlichen Kontakt habe ich viele Aspekte gehört, besprochen oder auch mal diskutiert. Ich bin überzeugt, dass ein Messeveranstalter nur erfolgreich sein kann, wenn er den Markt wirklich versteht. Deshalb sind Zuhören und Dialog für mich keine Floskeln, sondern Voraussetzung für gute Entscheidungen und Weiterentwicklung. Dafür sind mein Team und ich unterwegs und werden das für die Zukunft auch beibehalten.

Welchen Eindruck haben Sie von der Küchenbranche gewonnen?
Es ist eine starke Community. Jeder kennt jeden. Ich freue mich, bereits nach kurzer Zeit ein Teil hiervon geworden zu sein, und will unsere Fachmessen danach ausrichten, was die Branche bewegt und fordert: Wohin entwickelt sich der Handel, welche Bedarfe hat die GenZ, welche der älter werdende Teil der Bevölkerung, welche Trends und Neuheiten kommen auf den Markt? Die geopolitische Lage und die Zurückhaltung im Wohnungsbau prägen die Küchen- und Einrichtungsbranche aktuell schwer. Hier sehe ich den Auftrag unserer Messen, beginnend mit der area30: als nutzenstiftenden Ort, der Begegnung, Orientierung und Sichtbarkeit bietet. Hierfür ist ein frischer Blick an manchen Stellen sicherlich hilfreich, denn auch andere Branchen, die ich in der Vergangenheit begleitet habe, hatten diverse Herausforderungen, und daher will ich den ein oder anderen Gedanken, was wir als Veranstalter machen können, beisteuern.

Wie würden Sie die Stärken der area30 bezeichnen?
Die area30 zieht jedes Jahr über 12.000 Fachbesucher an. Die reine Zahl ist aber gar nicht die ausschlaggebende Stärke, vielmehr der perfekte Match zwischen Aussteller und Besucher. So haben wir unsere vielfältigen Marketingaktivitäten in diesem Jahr noch zielgruppenfokussierter ausgerichtet. Als Fachmesse ist sie der bestbesuchte Branchentreffpunkt für das Ordergeschäft und das Netzwerken. Zusätzliche Inspiration erhalten Besucher wie Aussteller auch über das Vortragsprogramm zu branchenrelevanten Themen. Unser Ziel ist klar: Wer heute zur area30 kommt, soll mehr erreichen als früher. Mehr Gespräche, mehr Orientierung, mehr Geschäft und mehr Inspiration. Deshalb haben wir alle Neuerungen genau unter diesen Gesichtspunkten entwickelt.

Und die aktuellen Herausforderungen?
Der Markt ist anspruchsvoller geworden und der Wettbewerb intensiver. Aus diesem Grund überprüfen Unternehmen ihr Investment in Messeteilnahmen. Das spornt uns an, die area30 konsequent weiterzuentwickeln und laufend zu verbessern. Deshalb investieren wir in neue Formate, längere Öffnungszeiten sowie zusätzlichen Mehrwert und Services für Besucher und Aussteller. All das ist jedoch kein einmaliger Impuls, sondern ein stetiger Prozess.

Ist das ein spezifisches Entwicklungsthema der area30? Oder ist das Messewesen insgesamt in einer Umbruchphase?
Die Frage, ob es den persönlichen Kontakt braucht und damit Live-Event-Formate eine Zukunft haben, wurde meiner Meinung nach im Zuge der Pandemie zu Genüge diskutiert. Auch ich bin überzeugt, dass Messen eine Zukunft haben. Gerade in einer Welt, in der vieles schneller, effizienter und digitaler wird, gewinnen die persönliche Begegnung und das Live-Erlebnis an Bedeutung. Aber Messen werden sich verändern. Der Besucher gewinnt als Stakeholder immer mehr an Bedeutung.  
Der Küchenherbst ist mit seiner dezentralen Ausrichtung natürlich eine spezielle Form des Messewesens. Die Besucher möchten in kurzer Zeit möglichst viele Lieferanten besuchen und sind dadurch sehr auf gutes Zeitmanagement und eine ausgeklügelte Logistik angewiesen. Es wird beispielsweise immer mehr der Ruf laut nach einem gemeinsamen Auftritt des Küchenherbstes und der Möbelmeile. Denn gerade der internationale Besucher sollte das Konzept kennenlernen und das gesamte Konstrukt als gewinnbringend empfinden. Hier setzt trendfairs gezielt an und startet 2026 mit einem Shuttle zwischen M.O.W. und area30. Hier entstehen gerade sehr viele Ideen, die es zu evaluieren und perspektivisch umzusetzen gilt.

Es fällt auf, dass einzelne Unternehmen sich verstärkt für eine Dauerausstellung entscheiden, um im „Küchenland Ostwestfalen“ ganzjährig präsent zu sein. Wie sehr macht das einer temporären Ausstellung wie der area30 zu schaffen?
Es hat in diesem Jahr eine gewisse Rochade stattgefunden. Einige Unternehmen haben sich für eine Dauerausstellung entschieden. Das tut sicherlich erst mal weh. Gleichzeitig konnten wir auch einige neue, spannende Aussteller hinzugewinnen. Für die ganz überwiegende Mehrheit unserer Aussteller bleibt die temporäre Halle der area30 das attraktivere Modell, weil sie jedes Jahr neu gestalten können, ganz nach Produkt- und Vertriebsschwerpunkten. Das bringt Vorteile für beide Seiten: Aussteller profitieren von der hohen Frequenz für ihr Ordergeschäft, Besucher von der Vielfalt und Inspiration, die jedes Jahr neu entsteht.

Gleichzeitig betreiben Sie mit dem cube30 ebenfalls ein Dauerdomizil. Aktuell mit Platz für drei Aussteller. Ist ein Ausbau des cube30 räumlich, bzw. von der Grundstücksgröße und dem Baurecht möglich und vorstellbar? Vielleicht auch in einem größeren Neubau oder in einem sanierten Gebäude an einem anderen Standort?
Wir freuen uns, dass sich mit Team7 und Walden zwei starke Marken für cube30 entschieden haben. Künftig soll diese Konstellation durch einen etablierten Händler mit wirklich ganzjähriger Nutzung ergänzt werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir die derzeit noch freie dritte Fläche in Kürze vermieten können. Wichtig ist mir aber: cube30 bleibt bewusst ein exklusives, kleines Format – kein Ersatz für die area30. Unser Fokus liegt klar auf der Weiterentwicklung der area30 und der Vermarktung des cube30 in seiner jetzigen Form. Für einen Ausbau oder einen neuen Standort sehe ich aktuell keine Notwendigkeit. Sollte der Markt das perspektivisch verlangen, schauen wir uns das selbstverständlich an.

trendfairs gehört inzwischen mehrheitlich zur NürnbergMesse Group. Wie viel echte strategische Eigenständigkeit hat die area30 tatsächlich, wenn es zum Beispiel um Investitionsentscheidungen geht?
trendfairs entscheidet weiterhin eigenständig über die Ausrichtung ihrer Messen. Denn wie oben beschrieben kennen wir die Branche und den Markt am besten. Die Gesellschafter werden eingebunden, wenn es außerhalb dieses Rahmens zu Veränderungen kommt. Für mich ist die Beteiligung ein Mehrwert für trendfairs. Denn wir können, müssen aber nicht, Synergien nutzen, dort, wo sie uns helfen. Ich denke hier z.B. an das Thema Internationalisierung. Hier haben wir in den letzten Monaten unsere internationale Präsenz in Italien, Benelux, Skandinavien, der Türkei und auf dem Balkan deutlich ausgebaut.  

Sie haben in den letzten Monaten mit vielen Unternehmen gesprochen. Darunter mit Stammausstellern und Publikumsgaranten wie Naber, systemceram oder Quooker. Was war übergreifend die wichtigste Message für Sie?
In diesen vertrauensvollen Gesprächen ging es um sehr viele Aspekte. Die genannten Unternehmen wünschen sich noch mehr Zeit, um Aufträge zu schreiben. Es werden hier Ansätze besprochen, die Besucherzeiten zu lenken und auszudehnen – das Konzept, des ‚long Tuesday‘wurde genau aus diesem Grund ins Leben gerufen. Es geht auch um Aspekte, die area30 langfristig attraktiv aufzustellen, die Vielfalt der ausstellenden Unternehmen und die Besucherqualität zu erhalten. trendfairs schätzt dieses ehrliche Feedback. Eine Maßnahme, die wir hieraus in 2026 erstmalig umsetzen, ist die Wandlung des Eintrittstickets in ein scanbares Badge oder auch, das Catering moderner zu gestalten.

Vor wenigen Wochen fand ein Kreativworkshop in Frankfurt statt. Wie viele Teilnehmer waren bei diesem ThinkTank dabei, welchen unternehmerischen Hintergrund hatten diese Teilnehmer und was konnten Sie mitnehmen?
trendfairs durfte 25 Gäste begrüßen: Entscheider aus Industrie, Handel, Verbänden, Fachmedien und Wissenschaft, quer durch die gesamte Wertschöpfungskette der Küchenbranche. Gearbeitet wurde im Format eines sog. World Café: In wechselnden Kleingruppen wurden die Themen Kundenfokus, Kommunikation, Angebot & Inszenierung sowie Kollaboration parallel an mehreren Tischen diskutiert und die Ergebnisse anschließend zusammengetragen. Es wurde intensiv diskutiert und erarbeitet. Viele Themen für die Weiterentwicklung und die Küchenbranche kamen zur Sprache. In Summe habe ich dieses Format als sehr wertschätzend und zukunftsgerichtet erlebt.  

Werden Ideen aus dem ThinkTank bereits im September 2026 umgesetzt?
Die ersten Ideen sind bereits in der Umsetzung. Ein gemeinsamer Shuttle, der die Besucher zwischen M.O.W. und area30 transportiert, wird bereits in diesem Jahr umgesetzt. Am Thema Guidance für den Besucher arbeiten wir mit Hochdruck und werden erstmalig Guided Tours anbieten. In Summe hat trendfairs einen Blumenstrauß an neuen Ideen mitgenommen. Einige werden in den kommenden Jahren umgesetzt, andere bereits dieses Jahr. So viel sei schon mal angeteasert: Freut Euch auf neue Impulse auf der area30 in 2026.

Für die diesjährige area30 stehen 84 Aussteller auf der Ausstellerliste, die insgesamt 170 Marken repräsentieren. Das ist im Vergleich zu den Vorjahren stabil. Womit trendfairs auch wahrnehmbar wirbt. Doch wie wichtig ist die reine Zahl der Aussteller und damit die Zahl der Quadratmeter als Maßstab für einen Messerfolg? Muss es in Zukunft nicht vielmehr darum gehen, relevante Aussteller zu konzentrieren? Auch auf die Gefahr hin, dass dies auf den ersten Blick als „Rückschritt“ bewertet wird?
Die Messekommunikation ist seit jeher auf dem Prinzip ‚höher, schneller, weiter‘ aufgebaut gewesen. Ich sehe das schon immer kritisch. Letztendlich geht aus meiner Sicht jeder Aussteller mit einer anderen Erwartungshaltung an die eigene Messeteilnahme heran. Daher bieten die Zahlen immer viel Interpretationsspielraum. Aber trendfairs hat selbstverständlich wirtschaftliche Interessen an einer erfolgreichen Umsetzung unserer Veranstaltungen, und daher braucht eine Messe natürlich auch eine bestimmte Größe, um wirtschaftlich, aber vor allem auch als anerkannte Plattform wahrgenommen zu werden. Wir sehen uns zugleich als Kurator von Themen, Ideen und Bedarfen, daher ist die These schon richtig. Wir stellen den Branchenteilnehmern hierfür eine Plattform zur Verfügung. Es haben uns einzelne Aussteller verlassen, und hier muss man klar sagen: Diese Marken werden uns fehlen. Aber auf der anderen Seite haben wir mit Noodles, Rempp Küchen, Team7 oder Zegotech tolle Marken hinzugewonnen. Unser Anspruch ist, dass Aussteller und Besucher die area30 als wirtschaftlich erfolgreiche Plattform erleben. Daran messen wir uns – nicht an einer reinen Quadratmeterstatistik.

Sie haben im Frühjahr in einem Interview gesagt, dass Sie sich nicht nur als Flächenanbieter, sondern auch als „Kurator von Themen“ verstehen. Was heißt das konkret für die area30? Was unterscheidet die Arbeit eines Kurators von der eines klassischen Messeveranstalters? Und sehen wir davon bereits etwas in diesem September?
Statt Entwicklungen ausschließlich aus Veranstaltersicht voranzutreiben, setzen wir bewusst auf die Expertise der Menschen, die die Branche täglich mitgestalten. Dafür gehen wir in den Dialog mit den Marktteilnehmern und richten die Fachmesse an deren Bedürfnissen aus. Konkret zeigt sich das in diesem September zum Beispiel darin, dass wir mit dem Tag des Zollstocks bewusst eine Zielgruppe – Tischler und Schreiner, die Küchen fertigen – in den Mittelpunkt stellen, die auf klassischen Ordermessen oft zu kurz kommt. Das ist für mich der Unterschied zwischen Flächenvermietung und Kuration: Wir entscheiden, wem wir wann eine Bühne geben, nicht nur, wer am meisten Fläche bucht.

Kommen wir konkret zur aktuellen Veranstaltung und den angekündigten Formatveränderungen. Was erwarten Sie sich vom „Long Tuesday“ und dem „Zollstocktag“?
Mit dem ‚long Tuesday‘ am Messedienstag reagiert trendfairs auf die steigenden Anforderungen im Küchenherbst: 2026 wird die Messe verlängert geöffnet, um Ausstellern und Fachbesuchern mehr Raum für persönliche Gespräche, erfolgreiche Geschäftsabschlüsse und hochwertige Kontakte zu geben. Diesen Impuls haben wir erhalten und gerne umgesetzt. Wir nutzen bewusst den Slot, an dem andere Messezentren bereits geschlossen haben, und bevor die zahlreichen Abendveranstaltungen starten. Damit bieten wir auch den Mitarbeitenden, die z. B. in den anderen Zentren tagsüber gebunden sind, die Möglichkeit für einen Besuch der area30.
Viele Händler haben heute deutlich weniger Zeit als noch vor einigen Jahren. Wenn wir ihnen helfen, in wenigen Stunden die für sie relevanten Aussteller zu finden, steigern wir den Nutzen ihres Messebesuchs erheblich. Hier setzen wir an und führen den Besucher per ‚Guided tour‘ zu den Ausstellern, je nach Themenrelevanz.
Dem Tischler und Schreiner schenken wir am Mittwoch, 23. September, mit dem Tag des Zollstocks gestärkte Aufmerksamkeit mit Themen auf der Bühne sowie einer Happy Hour am Abend. Besucher werden 2026 Veränderungen bemerken, die den Aufenthalt auf der area30 noch effizienter und angenehmer machen.

Ausgebaut wurde das „stage“-Programm. Unterlaufen zu viele Vorträge, die die Aufmerksamkeit der Messebesucher binden, nicht das grundlegende Ausstellerbedürfnis, möglichst viele Besucher möglichst lange am Stand zu halten?
Das ist korrekt. Wir sehen es dennoch als klaren Mehrwert. Denn die area30 ist eben mehr als eine reine Ordermesse, sie ist eine community area. Im Programm der stage finden der Küchenhandel, der Architekt, der Projektentwickler und das Handwerk ein Angebot an Inspiration, das hilft im täglichen Geschäft erfolgreich zu sein. Themen von KI und Social Media über Handel, Planung und Design bis hin zu neuen Geschäftsmodellen können den Besuch der area30 noch attraktiver machen. Wenn Impulse eines stage-Vortrags interessant und hilfreich sind, wird ein Besucher sein Zeitfenster gerne erweitern, denn Priorität haben für ihn immer die Aussteller. Zudem wollen wir den Content auch im Nachgang denjenigen zur Verfügung stellen, die es nicht zu einem für Sie spannenden Vortrag geschafft haben. Und mit der stage haben wir sicherlich auch ein Format im Angebot, das andere Messezentren nicht bieten.  

Jede Messe hat Zu- und Abgänge. In diesem Jahr ist in Ostwestfalen die Fluktuation besonders ausgeprägt. Wie sieht Ihre ehrliche Bilanz für die area30 aus?
Jede Messe entwickelt sich weiter. Natürlich hätten wir einzelne Unternehmen gerne weiterhin an Bord gehabt. Ich bin mir sicher, dass wir mit den Anpassungen der area30 ein sehr attraktives Angebot schaffen. Gleichzeitig freuen wir uns über neue Marken und neue Konzepte. Entscheidend ist für uns aber nicht die reine Anzahl der Logos, sondern dass Besucher auf der area30 den für sie relevanten Marktüberblick erhalten. Daran messen wir unseren Erfolg. Wir wollen nicht die größte Messe sein, sondern die relevanteste.

Stellen Sie sich vor, Sie sind beim Speed-Dating: Sagen Sie unseren Lesern aus dem Küchenfachhandel in einem Satz, warum sie die area30 unter allen Umständen besuchen sollten. Falls der Satz zu lang wird, dürfen es auch zwei kurze Sätze sein.
Wer in wenigen Stunden den relevantesten Überblick über den Küchenmarkt gewinnen und die wichtigsten Geschäftspartner treffen möchte, ist auf der area30 genau richtig.

Vielen Dank für das Gespräch

Dirk Biermann