21.02.2024

Wetterfeste Kücheninsel aus Papier und Pappe

Der Werkstoff PaperStone besteht aus recyceltem Papier – und wird als äußerst widerstandsfähiges Material bereits im Objekt- und Ladenbau eingesetzt. Nun soll die Küchenindustrie folgen. Ein Gespräch mit Dave Wolf von Becher „inoArt“ und Designer Hans Winkler.

Für seine Outdoorküche „BBQPipe“ begab sich Gestalter Hans Winkler auf die Suche nach einer neuen Materialität. Er wurde bei PaperStone in schwarzem „Slate“ fündig. Foto: Hans Winkler Design

Dave Wolf, Leiter der BECHER-Eigenmarke „inoART“: „Ein revolutionäres Produkt für den Küchen- und Möbelhandel.“ Foto: Biermann

Ein recycelter Papierwerkstoff, der wasser- und schnittfest, hitzebeständig und schlagfest ist? Eine vielversprechende Grundlage für die nachhaltige Küche. Foto: Becher inoArt

In den USA ist PaperStone bereits seit über 15 Jahren etabliert. Hierzulande nimmt die Nachfrage nun kräftig an Fahrt auf. Damit dürfte sich auch die Anzahl der in Europa verfügbaren Farben erweitern. Foto: Becher inoArt

„So mancher aus dem hiesigen Holzhandel“, sagt Dave Wolf, „ist so konservativ wie Meister Eder.“ Mit dem fiktiven Schreinermeister aus München hat Wolf grundsätzlich wenig zu tun, obschon: Beide tragen Brille und Bart und beschäftigen sich hauptberuflich mit Holz. Auch Dave Wolf, Leiter der Becher-Eigenmarke „inoART“, ist gelernter Schreinermeister. Innerhalb der Becher-Gruppe, einem etablierten Familienunternehmen für Holzprodukte rund um Innenausbau sowie Messe- und Ladenbau, beschäftigt sich der Koblenzer mit neuartigen Materialien und Oberflächen – und testet damit nicht nur die Strapazierfähigkeit von Holz, sondern auch die Bereitschaft von Händlern und Verarbeitern, den Werkstoff neu zu denken.
„InoArt“, ein zusammengesetzter Begriff aus „Innovation“ und „Art“ (Dt.: Kunst), bringt bereits als Wortspiel eine gewisse Erwartungshaltung an die dort ausgewiesenen Materialien mit sich. Tatsächlich schaffen insbesondere jene Werkstoffe den Sprung in größere Volumenabsätze, die sich als besonders nachhaltig, widerstandsfähig und designorientiert erweisen oder in komplexen technischen Anwendungsfeldern ihren Einsatz finden. Dazu zählt bei Becher beispielsweise Himacs, ein thermisch verformbarer Mineralwerkstoff für porenfreie Oberflächen, aber auch Fibo, ein patentiertes Wandverkleidungssystem aus Norwegen, das die klassische Fliese in Küche und Bad genauso schnell ersetzen soll, wie es, laut Hersteller, verlegt werden kann.

Aus ECO-recyceltem Papier
Den wohl größten Erfolg erzielt die Unternehmenssparte „InoArt“ derzeit aber mit dem Material PaperStone: Ein Werkstoff aus den USA, der zu 100 Prozent aus recyceltem Papier und recycelter Pappe besteht und laut Anbieter dennoch die technisch robusten Ansprüche eines Natursteins erfüllt – obwohl sich das Produkt mit herkömmlichem Holzwerkzeug problemlos bearbeiten lässt und grundsätzlich an eine Schichtstoff-Compactplatte erinnert. Der umfangreiche Kriterienkatalog, den der Werkstoff scheinbar mühelos abhakt, macht zunächst misstrauisch. Ein Verbundmaterial aus Papier, das schnitt- und spülmaschinenfest, hitzebeständig und schlagfest ist – und dennoch ohne Mineralöl-Derivate auskommt, die eine künstliche Widerstandsfähigkeit erzeugen könnten?

Mit natürlichem Harz
Grundsätzlich, sagt Dave Wolf, der sich bei „inoArt“ beständig mit der Frage nach den Materialien der Zukunft beschäftigt, sei PaperStone „in seiner Anwendung gar nichts Neues“. Der Werkstoff fungiere ähnlich wie herkömmliche Materialien aus HPL oder verschiedene Vollkernplatten. Aber eben „mit dem enormen ökologischen Vorteil, anstelle von konservativen Phenol- und Formaldehyd-Harzen mit dem natürlichen Harz „PetroFree™“ imprägniert zu sein, das ohne Mineralöle auskommt“. Wolf nennt PaperStone daher ein „hochspannendes und revolutionäres Produkt“ für den Küchen- und Möbelhandel.
„PetroFree“ wird unter anderem aus den Schalen der Cashewnuss gewonnen und sorgt für die außergewöhnlichen Produkteigenschaften von PaperStone. Die Oberfläche fühlt sich wie natürliches, mattes Papier an: Grundsätzlich warm und haptisch griffig, aber eben auch etwas rustikaler als eine glattgeschliffene Steinarbeitsplatte. Aus den insgesamt 15 Farbtönen hat „inoArt“ bislang sieben Farben in den Stärken 2, 6, 10 und 13 Millimeter auf Lager. Sie präsentieren sich mit einer homogen durchgefärbten Plattenstruktur und natürlichen Farbpigmenten für eine satte, optimale Verteilung entlang ihrer Oberfläche. Sanfte, pudrig gedeckte Töne in „Sand“ oder „Graphite“ werden bislang am stärksten gefragt, aber auch das rötlich-braune „Sienna“ oder das ockergelbe „Honey“ haben ihre Berechtigung.

Geschirrspüler-Test bestanden
Eine zielsichere Wahl ist ebenso das schwarze „Slate“, zu Deutsch „Schiefer“, das sich dem natürlichen Pendant lediglich farblich annähert. In seiner Funktion als Arbeitsplatte erweist es sich jedoch als deutlich pflegeleichter: PaperStone lässt sich, im Gegensatz zum Naturstein, nämlich ideal fräsen und bearbeiten wie Hartholz. Flecken, Dellen oder Abnutzungserscheinungen können somit durch einen simplen Schleifvorgang ausgebessert werden und unterstreichen die Langlebigkeit des Werkstoffs. Papier schlägt Stein, wie im gleichnamigen Kinderspiel „Schere, Stein, Papier“? Möglicherweise.
„Es ist ein Material, das ich sehr sympathisch finde“, sagt Designer Hans Winkler. Der Gestalter aus dem baden-württembergischen Grafenau war vor rund anderthalb Jahren für ein eigenes Projekt auf der Suche nach einem UV- und witterungsbeständigen Werkstoff in schwarzer Farbe, mit dem sich Möbelfronten realisieren lassen. Er wurde bei „Slate“ von PaperStone fündig. Ausgerechnet eine Outdoorküche kleidet das Material aus recyceltem Altpapier nun ein, vielmehr: Selbst der Korpus wird durch das äußerst belastbare Produkt gestellt, da PaperStone verzug- und verwindungsarm ist und sich somit auch für selbsttragende Konstruktionen optimal eignet. Auf Nachfragen seines Umfelds nach der dauerhaften Belastbarkeit des Werkstoffs – zumal an der frischen Luft – reagiert Hans Winkler mit einer überzeugenden Anekdote: Ein Auftraggeber habe sich einst ein PaperStone-Muster aus seiner Werkstatt am Designcampus Grafenau mitgenommen und es zwei Wochen am Stück im privaten Geschirrspüler platziert. Test bestanden: Das Material wurde dadurch tatsächlich für wasser- und wetterfest befunden.

Erste Outdoorküche von Osta
Hans Winkler, selbst ein gelernter Schreiner und Holztechniker, hat sich jedoch nicht nur aus technischen Gründen für PaperStone entschieden. Auch die ihm inhärente Neugier auf Neuentdeckungen dürfte dazu beigetragen haben, dem recycelten Werkstoff eine Chance zu geben. Obwohl PaperStone in den USA seit rund 15 Jahren fest etabliert ist, wird es in der europäischen Branche noch immer als Newcomer gehandelt. Die Start Up-Mentalität spricht Winklers Sprache: „Neue Werkstoffe dürfen anders sein als alles bisherige. Ihre Materialität muss sich durch eine faszinierende Haptik und Funktionalität beweisen“, sagt der Gestalter, der sich mit der „BBQPIPE“ für die Firma Osta Küchen-Elemente nun selbst auf anspruchsvolles Terrain am Outdoorküchenmarkt begibt. Mit seiner Gesamtverantwortung für die wetterfeste Kücheninsel bringt er zugleich PaperStone als nachhaltiges Material in einen, wie er es nennt, „pragmatischen Einsatz“. Der Werkstoff bewährt sich.

Kreativ und leidenschaftlich
Etwas anders machen, Mut und Zuversicht beweisen – diese Eigenschaften charakterisieren Hans Winkler, der immer wieder betont, dass man gerade in schwierigen Zeiten „die Zukunft entwickeln müsse, und zwar kreativ und leidenschaftlich“. Sie treffen ebenso auf Dave Wolf von der Becher-Gruppe zu, der den Eintritt des Werkstoffs in den europäischen Markt als „herausfordernd, aber auch gewinnbringend“ beschreibt.
Seit rund zwei Jahren präsentieren der Holzexperte und sein „inoArt“-Team den Mehrwert des Materials PaperStone vor Handwerkern, Objekteinrichtern und der Industrie. Dazu hält die von ihm geleitete „BECHER Akademie“ regelmäßig Schulungen ab, die die Verarbeitung des Werkstoffs am Praxisbeispiel demonstrieren. Die Veranstaltungen sind bei Verarbeitern stark nachgefragt und regelmäßig ausgebucht. Und doch: Die über Jahrzehnte fest verwachsene Verbindung zwischen Produzenten und Abnehmern erprobter Werkstoffe sei bisweilen etwas schwierig zu durchbrechen. Dabei könnte PaperStone die deutsche Küchenplanung innovativer machen und wettbewerbsfähig halten – nicht zuletzt hinsichtlich seiner Nachhaltigkeit. Glücklicherweise, sagt Wolf, würden immer mehr Entscheider dies erkennen. Bereits jetzt gebe es interessante Ansätze seitens der designorientierten und nachhaltigen Küchen- und Möbelbranche.

Nachhaltigkeit als Schlüsselargument
Die Wiederverwend- und Wiederverwertbarkeit des Materials wird langfristig eine Schlüsselrolle in der Kommunikation an den hiesigen Küchen- und Möbelhandel spielen. Zwar sei PaperStone bislang auf eine „cradle to grave“-Nutzung ausgelegt, bei der das Material nach jahrelanger Benutzung ein Ende seines Lebenszyklus fände. Bis das der Fall sei, können die Oberflächen aber zigfach fein abgeschliffen und somit leicht erneuert werden. Auch eine besondere Veredelung mit Öl für eine zusätzliche Farbtiefe sowie als Oberflächenschutz ist schon heute möglich. Ebenfalls angedacht ist, die alten Platten nach ihrer Nutzung im Küchen- oder Objektgeschäft einem „Repanelsystem“ zuzuführen, bei dem der Papierwerkstoff zu Schneidbrettern oder Messergriffen weiterverarbeitet werden kann. In letzter Instanz fänden die geschredderten Schnipsel schließlich sogar noch als Straßenschilder Verwendung. Im Endzyklus könne PaperStone ohne besondere Auflagen im Restmüll entwertet werden. Als Wermutstropfen bleibt die lange Anreise des Recyclingstoffes bestehen, der aus den USA geliefert wird. „Wir arbeiten daran, auch innerhalb von Europa ein kreislauffähiges System auf die Beine zu stellen“, sagt Dave Wolf.
Der Gedanke der vielfältigen Verwertbarkeit von PaperStone gefällt Designer Hans Winkler: „Geht mal etwas in der Fertigung oder bei der Auslieferung schief, muss man das Material nicht sofort wegwerfen, wie es bei einer abgeplatzten Keramik-Kante oder einer gebrochenen Steinplatte der Fall wäre“, sagt der Gestalter. „PaperStone lässt sich von jedem Handwerker reparieren – oder man lebt eben mit dieser Patina, die ohnehin zunehmend Akzeptanz findet im Küchensegment.“ Als Teil von Winklers Outdoorküche „BBQPIPE“ formt PaperStone – fast schon ironisch anmutend – eine umgedrehte Pfeife, die Korpus, Schubladen und Einbaugeräte entlang der Kochinsel als ästhetischer Rahmen umschließt. Die schmauchende Symbolik schließt nicht nur nahtlos an die Funktionalität der Outdoorküche an, auf der mittels Teppan Yaki und Induktionsfeld gekocht und gegrillt werden kann. Die Pfeifenform eint auch zwei Elemente, die nicht so recht zusammenpassen wollen: Papier und Glut. Dabei ist PaperStone schon heute bis zu 180 Grad hitzebeständig und ausdrücklich widerstandsfähig gegen Zigarettenglut, sagt der Hersteller. In den Testreihen, die Dave Wolf mit seinem Team fährt, bleibt der Werkstoff sogar bei bis zu 250 Grad stabil.

„inoArt“ im IDF34 in Löhne
Die Steifigkeit erlangt das Material durch seine recycelte Zusammensetzung, durch die sich die ursprünglich langen Zellulose-Fasern in jedem Kreislauf verkürzen und anschließend durch Harze verhärtet werden. Im Gegensatz zu gesinterten Steinen, die den deutschsprachigen Küchenmarkt mit ihren scheinbar unverwüstlichen Oberflächen derzeit dominieren, sei PaperStone allerdings in jedem Format „ein gutmütiges Material“, sagt Dave Wolf. Will heißen: Der Werkstoff ist elastisch und eignet sich daher auch als bruchsichere Komponente für überlange Arbeitsplatten oder individuelle Zuschnitte, die mittels Längs- und Querstößen so miteinander verbunden werden können, dass die Fuge kaum sichtbar ist. Die einfache Verarbeitung und Veredelung ist somit nicht nur geeignet für designorientierte Küchen- und Möbelprojekte, sondern reduziert auch Projektkosten im Vergleich zu teureren Steinbelägen.

Für Manufakturprojekte geeignet
Das Preis-Leistungs-Gefüge dürfte sich perspektivisch sogar noch ausbauen lassen. Zwar ist „inoArt“ von Becher der bislang einzige Exklusiv-Importeur des Materials, der PaperStone nach Deutschland ausführt und über seine regionalen Niederlassungen an Handel und Industrie verkauft. Je höher Nachfrage und Absatz ausfallen, desto besser könne man allerdings zukünftig mit moderaten Preisen kalkulieren, erklärt Dave Wolf. Individuelle Großprojekte werden bislang im Laden- und Messebau, in Hotellerie und Gastronomie sowie bei Spa- und Wellnesseinrichtungen umgesetzt. Der Charme von „inoArt“, betont Wolf, läge zugleich darin, auch kleine Manufakturprojekte mit geringen Abnahmemengen zu unterstützen. Ganz von ungefähr kommt der Vergleich mit Schreinermeister Eder also nicht: Wer das Besondere sucht, wird beim Spezialisten fündig. PaperStone könnte als Designmaterial neue Maßstäbe in der holzverarbeitenden Branche setzen.

Susanne Maerzke

 


Im Minenschutz überzeugt
Überzeugen kann sich die Öffentlichkeit von Material und Outdoorküche im neu gestalteten Becher-Showroom im IDF34 Forum in Löhne. Damit soll auch die industrielle Marktpräsenz von „inoArt“ im Herzen der ostwestfälischen Küchenindustrie verankert werden. Wer dort auf Dave Wolf und sein Team trifft, hört eine weitere Anekdote, die die Alltagsbeständigkeit von PaperStone demonstriert: So habe das US-Militär den Werkstoff bereits als Minenschutz bei militärischen Fahrzeugen eingesetzt. PaperStone wurde hierfür als 25 Millimeter starke Vollkernplatte am Unterbau des Gefährts befestigt – und hat sich bewährt.