Im Jahr 3 am Scheideweg
Modulküche beschreibt bokue nur unvollständig. Die Hersteller selbst sagen „nachhaltige Designküchen mit Möbelcharakter“. Die Wirklichkeit liegt in der Kombination. Denn in ihrem designorientierten Erscheinungsbild mit einem handwerklich geschweißten Stahlrahmen und hochwertigen Oberflächen für Fronten und Platten erfüllen die freistehenden Möbelstücke gängige Modul-Kriterien. Dem Klischee folgend, kann man sie sich bestens in einem großzügigen Loft vor einer Backsteinwand vorstellen. Hinten die Zeile, vorn die Insel. Trotzdem sind die Küchen konkreter als modular zu bezeichnen. Ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Denn bokue kann auch um die Ecke. Mit einer Auswahl an Eckmodulen in individuellen Maßen wird jede Küche zur maßgefertigten Lösung für alle Raumsituationen. Auch über das Loft mit Backsteinwand hinaus. Und doch ist sie mehr als nur eine Einbauküche auf Stelzen. Sie ist in jeder Variante hochwertig bis ins Detail und dabei durch und durch mit einem hohen Anspruch an Nachhaltigkeit konzipiert und gebaut.
Strategie neu ausrichten
bokue ist eine junge Küchenmarke. Erste Gedankenspiele zur Gründung reichen ins Jahr 2020. Mit einem konkreten Produkt sind Oliver Bahr und Bastian Demmer, beide mit Tischlerhintergrund und Expertise als Diplom-Produktdesigner (Bahr) und Innenarchitektur (Demmer), nun im dritten Jahr am Markt. Die bisherigen Kundenreaktionen zeigen, dass der Ansatz des Unternehmens den Bedarf einer anspruchsvollen Kundschaft trifft. „Die Resonanz ist durchweg begeistert-positiv“, berichtet Oliver Bahr, räumt aber ein, dass der Vertrieb in diesem eng zugespitzten Markensegment seine eigenen Anforderungen hat. Denn eine bokue-Küche bewegt sich im Premiumsegment. Das Zwei-Mann-Start-up kommt hier im dritten Jahr nach der Unternehmensgründung an seine Grenzen. Was zu den eingangs formulierten Fragen führt: Mit dem bislang favorisierten B-to-C-Vertrieb weitermachen und in den Stückzahlen vergleichsweise bescheiden bleiben? Vielleicht mit der Öffnung hin zu mehr B-to-B-Vertrieb mit exklusiv positionierten Fachhändlern als Vertriebspartner? Aktuell gibt es zwei Showroom-Kooperationen in Herford und Bielefeld sowie eine kompakte Darstellung in einem Dross&Schaffer-Studio in München. Oder bundesweit wachsen? Das funktioniert nur mit einem solventen Partner an der Seite, sind sich Oliver Bahr und Bastian Demmer bewusst. Aktuell ist es die favorisierte Strategie. Gesucht wird deshalb ein Investor, der die Expansion über die notwendigen Investitionen in Marketing und Vertrieb mitträgt. Produkttechnisch sieht sich das Duo bestens aufgestellt. Auch ein ambitionierter Küchenmöbelhersteller, der mit der Marke bokue sein eigenes Profil in der Spitze ergänzt oder die Produkte in sein eigenes Sortiment integriert, ist vorstellbar.
Handwerk dominiert
Wer sich näher mit dem Produkt beschäftigt, trifft auf eine Positionierung als Manufaktur- und Industrieküche mit maximaler Individualität und nachhaltiger Umsetzung. Standardware bei den Zulieferteilen ist die Ausnahme. Basis der Konstruktion sind ein Stahlrahmen in der Grundfarbe „dunkel“ (karbonisiert, gelasert und handverschweißt) sowie dreischichtgeleimtes Fichtenholz als Trägermaterial für sämtliche Korpusteile und Sichtseiten. Die Fronten werden mit Edelhölzern belegt, wenn es Farbe sein soll mit Linoleum. Push-to-open sucht man bei bokue vergeblich. Wenn grifflos, dann mit eingefräster Griffmulde, ansonsten mit einem maßgefertigten Griff, der das gewählte Küchendesign aufgreift und fortführt. Die Arbeitsplatten folgen, sofern die Materialwahl nicht dagegenspricht, dem Slim-Line-Prinzip im Stahlrahmen mit einer 5 mm sichtbaren Materialkante auf einer 25 mm starken Trägerplatte. Natürlich aus Fichtenholz. Das Arbeitsplattenmaterial selbst kann Edelstahl, Keramik, Naturstein oder Massivholz sein. Oder etwas anderes. Individuell halt. Auch eine Kombination von Materialien ermöglicht die 5-mm-Linie.
Nachhaltig ist wohngesund
Diese Beispiele unterstreichen die charakteristische Materialehrlichkeit einer bokue-Küche mit sortenreiner Materialauswahl und ökologischen Werkstoffen. Das dreischichtgeleimte Fichtenholz ist im Korpus geseift, das Edelholz an der Front geölt. Und der karbonisierte 50/15-mm-Stahlrahmen erhält durch Kamelienwerkzeugöl seine typische Patina. Gepulvert wird, wenn eine farbliche Gestaltung gefragt ist. Rostfrei sind beide Varianten. Nachhaltigkeit äußert sich für die beiden Möbel- und Küchenbauer immer auch als Wohngesundheit. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Marke verzichtet so gut wie möglich auf Kunststoffe und Chemie jeglicher Art. Keine Verbundwerkstoffe, keine angeklebten Elemente und auch kein konstruktiver Leim.
Sichtbare Technik
Die Holzarbeiten führen Oliver Bahr und Bastian Demmer in der eigenen Werkstatt in Herford aus. Über die Design- und Holzexpertise hinaus besteht ein spezialisiertes Netz an Zulieferern. Die berufliche Partnerschaft der beiden reicht bis Mitte der 1990er-Jahre, als beide für die gleiche Holzkunstwerkstatt in Bielefeld tätig waren. Seitdem arbeiten sie regelmäßig bei Möbelprojekten unterschiedlichster Art zusammen. In der praktischen Arbeit ergänzen sie sich, schöpfen aber auch aus einer gemeinsamen Schnittmenge: „Wir sind künstlerisch verrückt, detailverliebt und technikaffin mit Sympathie für das mechanisch-handwerkliche.“ Ein Highlight im Schaffen von Oliver Bahr als Produktdesigner ist die Entwicklung der in der Möbelszene renommierten Garderobe „Pinc Coat“. Ein internationaler und mit hochkarätigen Designpreisen gekrönter Erfolg, vermarktet vom Möbellabel Nils Holger Moormann. Ein gemeinsamer Erfolg der beiden ist die Marke „statthocker“.
Patentierte Schubkasten-Technik
Gerade die Hinwendung zum mechanisch-handwerklichen prägt die Gestaltung einer bokue-Küche. Innen wie außen. „Technik, die man sieht“, dient als Leitidee. „Wir wollen ein edles Ambiente schaffen, dass zum Kochen einlädt. Eine Werkstatt zur Essensherstellung einerseits und ein Atelier für liebevolle Kochkunst andererseits“, so Oliver Bahr. Das kann sich als Regalsystem äußern, das durch verschiebbare Frontelemente an einen Paravent erinnert. Oder als Schubkasten mit Wendeboden mit einer Linoleum- und einer Wollfilzseite. Auf diesen Schubkasten hält bokue ein Patent auf die Zargenkonstruktion mit 3 mm dünnen Stahlzargen. Hauchdünn und hoch stabil. Ob bokue am Ende eine kleine Werkstatt bleibt, an einen Investor geht oder in einem größeren Küchenmöbelhersteller aufgeht, die Zargenkonstruktion wird jeden dieser Wege überstehen.
Dirk Biermann




