Wasser nach Maß
Der Markt für Wasserveredlung und Wasserfilterung in der Privatküche hat sich in den vergangenen Jahren erheblich ausdifferenziert. Das Angebot reicht von der einfachen Filterkartusche unter dem Spülbecken bis zum System mit sechs Wassersorten aus einem Hahn inklusive Messbecherfunktion und App-Bedienung. Investitionen von einigen Hundert bis mehreren Tausend Euro sind heute im Bereich des Möglichen.
Was der Markt anbietet
Filtration und Veredlung sind nicht dasselbe, auch wenn beides heute oft in einem Produkt zusammenkommt. Filtration entfernt Unerwünschtes aus dem Leitungswasser: Chlor, Kalk, organische Verbindungen, in den höheren Stufen auch Mikroplastik, Zysten und Keime. Veredlung geht weiter: Sie verändert die Temperatur (kühlen, erhitzen), fügt Kohlensäure hinzu oder reichert das Wasser mit Mineralstoffen an. Manche Premiumsysteme realisieren beides gleichzeitig.
Die Hersteller lassen sich in drei Gruppen einteilen. Vollsystem-Anbieter liefern alles oder nahezu alles in einem abgestimmten Paket: Quooker, Blanco, Franke und Clage/Zip. Grohe geht den modularen Weg: Kochendwasser („Grohe Red“) und Filtration mit Kühlung und Sprudel („Blue Home“) sind eigenständige Systeme, die einzeln oder kombiniert gekauft werden können. Ebenso Gessi mit „Vita“, das es modular und als Komplettsystem gibt. Spezialisten wie Hansgrohe mit der MINTEC-Technologie, BRITA, Teka und neu auch Naber mit „Aqvella“ decken Teilbereiche und verzichten auf Kochendwasser.
Nutzen der Wassersysteme
Wer ein System inklusive Multifunktionsarmatur für 1.500 bis 3.500 Euro verkaufen will, braucht mehr als Produktwissen. Er braucht ein Gespür dafür, welches Argument bei welchem Kunden ankommt. Denn die Kaufmotive sind unterschiedlich, manchmal sogar gegensätzlich. Wer zu früh über Hersteller und Ausstattungsmerkmale redet, kann die grundsätzlich interessierte Kundschaft auf dem Weg verlieren.
Die Bandbreite der Kundenbedürfnisse ist groß und reicht von der einfachen Filterung, um den Geschmack des Leitungswassers zu verbessern, über Gesundheits- und Umweltfragen bis hin zu Lifestyle-Gesichtspunkten, bei denen das Budget eine untergeordnete Rolle spielen kann. Diese Fragen öffnen das Gespräch: Wie oft trinken Sie Sprudelwasser? Haben Sie einen Wasserkocher, und wie häufig benutzen Sie ihn? Stört es Sie, wenn auf der Arbeitsfläche Geräte stehen? Je nachdem, wie jemand antwortet, entscheidet sich, welche Nutzendimension trägt.
Das stärkste Argument für All-in-one-Systeme liegt im Alltag, der sich spürbar verändert: Keine Wasserkisten mehr, kein Schleppen, Lagern, Sortieren und Entsorgen. Und im Fall von Wasser in Plastikflaschen: deutlich weniger Plastikmüll. In einem Einpersonenhaushalt sind es durchschnittlich 330 Flaschen im Jahr, im Vier-Personen-Haushalt sollen es laut Deutscher Umwelthilfe durchschnittlich 800 Flaschen sein, andere Quellen sprechen sogar von bis zu 1.320 Flaschen.
Gleichzeitig räumt das System die Arbeitsfläche frei. Kein Wasserkocher, kein Auftisch-Sprudler. Wer Wert auf eine durchgestaltete Küche legt, schätzt diesen Punkt oft mehr als die Technik dahinter.
Kochendes Wasser in Sekunden ist ein weiteres zentrales Nutzenargument. Ein kurzer Gedankentest im Beratungsgespräch hilft: „Wie oft am Tag würden Sie diese Funktion nutzen?" Kommt jemand auf mehr als zwei bis dreimal, hat er einen konkreten Nutzwert. Wer zögert, gehört wahrscheinlich in eine andere Kategorie.
App-gestützte Systeme wie die von Blanco, Franke, Grohe oder Hansgrohe melden von sich aus, wenn Verbrauchsmaterialien zur Neige gehen. Filter- und CO2-Stand werden automatisch kontrolliert, die Nachbestellung läuft über die App. Ein unterschätzter Vorteil für Kunden, die schlicht nichts vergessen wollen.
Ein Einwand, den Eltern kleiner Kinder aus nachvollziehbaren Gründen mitbringen, lässt sich entkräften, bevor er kommt: Kochendwasser aus dem Hahn klingt riskant. Konstruktiv ist es das nicht. Alle Premiumsysteme sichern die Funktion gegen versehentliches Betätigen, durch Druck-Dreh-Mechanismen oder mehrschrittige Aktivierungssequenzen. Der klassische Wasserkocher, offen auf der Arbeitsfläche, bietet das nicht.
Für einen wachsenden Kundenkreis ist die Wasserqualität das primäre Kaufmotiv. Dabei kann die Blickrichtung je nach Wassergüte gegensätzlich sein und die Kunden für andere Argumente öffnen. Sehr weiches Wasser verfügt über eine geringe Mineralstoffkonzentration, sehr hartes Wasser fördert Kalkflecken und verstopft die Leitungen. Die Lösung: Aktivkohlefilter reduzieren Chlor, Schwebstoffe und organische Verbindungen spürbar im Geschmack und Geruch. Die gezielte Anreicherung mit Magnesium, Calcium oder Kalium spricht Kunden an, die aufgehört haben, Mineralwasser aus Plastikflaschen als einzige Alternative zu sehen.
Der Nutzen im Gleichgewicht
Die Nutzen sind vielfältig, allerdings sollte der ehrliche Blick auf die Folgekosten nicht fehlen. Auch dieser gehört zu einer umfassenden Beratung. Details zu möglichen Kosten für Filter, CO2 und Strom für den Stand-by-Verbrauch sind im nebenstehenden Kastentext skizziert, auch wenn verbindliche Angaben segmentübergreifend kaum möglich sind, weil Stromverbräuche und Filterkosten herstellerseitig auseinanderlaufen. Aber diese Kosten entstehen und wollen berücksichtigt werden. Das legt nahe, dass für Gelegenheitsnutzer, die selten Sprudelwasser kaufen und kaum kochen, ein klassischer Wasserkocher die günstigere Wahl ist. Die Kostenseite allein zu betrachten, greift aber zu kurz. Kosten sind ein Aspekt von mehreren. Komfort, Gesundheit, Umwelt, Lifestyle gehören ebenfalls dazu und haben für Kunden eine individuelle Bedeutung. Unter Umständen kann auch für den wenig kochenden Gelegenheitsnutzer eine 6-in-1-Multifunktionsarmatur samt angeschlossenem All-in-one-System sinnvoll und stimmig sein. Wer hier vorschnell schlussfolgert, verpasst einen konkreten Bedarf.
Dirk Biermann
Die Technik im Unterschrank
Die Technik, die hinter einem Wasserveredlungssystem steckt, gehört grundsätzlich in den Unterschrank der Spüle (eine Ausnahme bestätigt die Regel, siehe Gessi). Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht immer: Boiler, Filter, CO2-Flasche und Kühlmodul konkurrieren dort mit Siphon, Mülltrennung und je nach Küchenbauart mit Scharnieren oder Querstreben. Platzoptimierte Systeme sind elementar. Eine weitere Pflichtanforderung ist Strom: Alle Systeme mit Boiler oder Kühlung brauchen eine 230-V-Steckdose im Unterschrank. Falls keine vorhanden ist, muss ein Elektriker nachrüsten. Das gehört gegebenenfalls in die Kostenkalkulation.
Verbrauchsmaterial: Jedes System braucht regelmäßigen Nachschub: Filter und, sofern Sprudelwasser zur Ausstattung gehört, CO2-Zylinder. Filter sind bei einigen Anbietern herstellerspezifisch. Sie passen exakt in die jeweilige Aufbereitungseinheit und sind nicht herstellerübergreifend kompatibel. Die Kosten für die regelmäßig vorgeschriebenen Filterwechsel (jährlich/halbjährlich) bewegen sich je nach Hersteller und Modell zwischen 70 und 160 Euro. Unterschiedlich sind auch die Stromverbräuche für den Stand-by-Betrieb. Je nach System lieben diese bei 20 bis 50 Euro im Jahr.
Bei CO2 gibt es einen Unterschied, der für das Beratungsgespräch ebenfalls relevant ist. Einige Anbieter nutzen handelsübliche 425-g-Zylinder, die im Supermarkt oder Baumarkt getauscht werden, andere setzen auf das Zusatzgeschäft im eigenen Online-Shop. Komfortabel ist eine App zur Verbrauchsüberwachung. Die Grundfunktion ist überall ähnlich: Restkapazität anzeigen, Nachbestellung auslösen.
Was passiert, wenn etwas defekt ist? Bei einem System, das täglich läuft, Wasser auf 100°C erhitzt und über Druckleitungen verteilt, ist die Servicefrage keine Randnotiz. Die Hersteller haben sehr unterschiedliche Strukturen entwickelt. Diese detailliert darzustellen, wäre Inhalt einer separaten Betrachtung. Der Außendienst des jeweiligen Herstellers ist hierfür der erste Ansprechpartner. /dib


