Wachstum trotz Gegenwind

Jan Kurth. Foto: VdDK
„Die Auftragslage hat sich im Jahresverlauf weiter stabilisiert“, stellte Kurth, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Küchenmöbelindustrie (VdDK), fest. In den ersten sieben Monaten setzten die 43 Betriebe der Branche mit ihren 17.300 Beschäftigten nach amtlicher Statistik rund 3,4 Milliarden Euro um. Der Export wuchs mit einem Plus von 2,8 Prozent auf rund 1,6 Milliarden Euro stärker als das Inlandsgeschäft, das um 1,4 Prozent auf rund 1,8 Milliarden Euro zulegte. Die Exportquote stieg leicht auf 46,7 Prozent nach 46,2 Prozent im Vorjahr und liegt damit deutlich über dem Wert der gesamten deutschen Möbelindustrie von 35,3 Prozent.
Im Juli verbuchte die Branche sogar ein kräftiges Umsatzplus von knapp 9 Prozent auf 466 Millionen Euro. Der Sprung sei mit Vorsicht zu lesen, ordnete Kurth ein. „Dieser Zuwachs ist sehr erfreulich, sollte angesichts des schwachen Vorjahresniveaus und des etwas späteren Ferienstarts aber nicht überinterpretiert werden. Wir sehen zwar eine Stabilisierung der Nachfrage, bleiben aber angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen nach wie vor vorsichtig.“ Der Anteil der Kurzarbeit lag im dritten Quartal bei 13 Prozent und damit deutlich unter dem Wert der gesamten Möbelindustrie von 40 Prozent, wie eine Verbandsumfrage ergab. Von Januar bis August übertraf der wertmäßige Auftragseingang das Vorjahresniveau nach verbandsinternen Erhebungen um 1,9 Prozent, stückzahlmäßig lag das Plus bei 0,7 Prozent.
Schwankende Auslandsmärkte
Der Blick auf die europäischen Absatzmärkte fiel gemischt aus. Im ersten Halbjahr sanken die Ausfuhren nach Frankreich, dem wichtigsten Exportmarkt, um 1,9 Prozent auf 294,5 Millionen Euro, nach Großbritannien um 4,6 Prozent. Deutlich zulegen konnten die Hersteller dagegen in der Schweiz (plus 12,4 Prozent), in Belgien (plus 6,9 Prozent), in den Niederlanden (plus 5 Prozent) und in Spanien (plus 1 Prozent).
Außerhalb Europas wuchsen die Ausfuhren nach Südkorea um 20,8 Prozent, das Land rückte damit von Platz 12 auf Platz 9 der wichtigsten Exportmärkte vor. In China dagegen brachen die Exporte um 20,6 Prozent ein. Kurth nannte dafür zwei Gründe. „Neben der schwachen Binnen- und Baukonjunktur sind unsere Hersteller dort Wettbewerbsnachteilen ausgesetzt, die aus der erheblichen Unterbewertung der chinesischen Währung und der massiven Subventionierung chinesischer Möbelhersteller resultieren.“ In den USA sanken die Ausfuhren sogar um 37,5 Prozent. Die US-Einfuhrzölle sorgten für anhaltende Verunsicherung und verschlechterten die Wettbewerbschancen deutscher Anbieter, berichtete Kurth. Mittelfristig sehe die Branche in Nordamerika aber weiter Potenzial: „Wir glauben weiter an diesem Markt.“ Im sechsten Jahr in Folge wird es daher einen vom Bund geförderten deutschen Gemeinschaftsstand auf der Küchenfachmesse KBIS geben, die vom 2. bis 4. Februar 2027 in Las Vegas stattfindet. Die Exporte nach Saudi-Arabien litten mit einem Minus von 24,1 Prozent unter den Auswirkungen des Iran-Kriegs.
Die Küchenmöbelimporte nach Deutschland spielen mit einem Importanteil von 4,3 Prozent eine vergleichsweise geringe Rolle, anders als etwa bei Polster- oder Wohnmöbeln. In den ersten sechs Monaten sanken sie um 9,2 Prozent auf rund 77 Millionen Euro. Das mit Abstand wichtigste Lieferland Polen, das für 34 Prozent aller Importe steht, legte um 7,4 Prozent zu. Die Einfuhren aus Litauen, Italien, Österreich und vor allem China (minus 58,4 Prozent) gingen dagegen zurück.
Wohnungsbau bremst Nachfrage
Neben der schwachen Anschaffungsneigung der privaten Haushalte bekommt die Branche laut Kurth die Folgen des rückläufigen Wohnungsbaus zu spüren. Das Ifo-Institut rechnet in diesem Jahr mit einem weiteren Rückgang der fertiggestellten Wohnungen auf 185.000, ein Anstieg wird erst ab 2027 erwartet. Weniger Neubauten bedeuten weniger eingerichtete Wohnungen und weniger Folgeumzüge. Ein Neubau zieht nach Verbandserfahrung im Schnitt den Kauf von zwei bis drei neuen Küchen nach sich.
Der VdDK fordert deshalb steuerliche Anreize für den Wohnungsbau, etwa bei Gebäudesanierungen. Kurth schlug vor, die sofort steuerlich geltend machbaren Erhaltungsaufwendungen bei energetischen Sanierungen von 15 auf 50 Prozent des Gebäudewerts anzuheben: „Wir schlagen vor, in diesem Bereich gezielt Investitionsanreize zu setzen.“ Die geltende Begrenzung führe dazu, dass notwendige Sanierungen aufgeschoben oder unterlassen würden.
Mit einer Wohneigentumsquote von nur 43,5 Prozent belegt Deutschland im europäischen Vergleich den letzten Platz, wie eine Studie des Pestel-Instituts ergeben hat. Der Wert liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren. Als Ursachen nennt das Institut hohe Baukosten, gestiegene Zinsen und die Wohnungsbaupolitik der vergangenen Jahre. „Eigentümer investieren nicht nur mehr in die Einrichtung als Mieter. Mehr Eigentum bedeutet auch mehr Neu- oder Umbau, mehr Umzüge und damit mehr Dynamik im Immobilienmarkt”, stellte der Verbandsgeschäftsführer fest.
Steigende Kosten, mehr Regulierung
Zusätzlich belasten steigende Preise für Vorprodukte, ausgelöst vor allem durch Unsicherheiten auf den Rohstoffmärkten infolge der Spannungen im Nahen Osten. Betroffen sind Transportdienstleistungen ebenso wie Holzwerkstoffe, für deren Herstellung auf Harnstoff basierende Harze benötigt werden, sowie Metall- und Kunststoffteile.
Hinzu kommt laut Kurth die wachsende Regulierungsdichte in Europa. Vorhaben wie die Ökodesign-Verordnung samt Digitalem Produktpass, die Verpackungsverordnung oder die EmpCo-Richtlinie gegen Greenwashing verursachten erheblichen Verwaltungsaufwand, vor allem für mittelständische Hersteller mit umfangreichen Daten- und Nachweispflichten entlang der Lieferkette. Die Branche unterstütze das Ziel eines nachhaltigeren Wirtschaftens grundsätzlich, die Regulierung müsse aber ökologische Anforderungen mit praktikablen und wirtschaftlich tragfähigen Umsetzungswegen verbinden.
Vorsichtige Prognose fürs Gesamtjahr
Für das Gesamtjahr 2026 rechnet Kurth mit einem Umsatzplus im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das wirtschaftliche Umfeld bleibe von Unsicherheiten geprägt, auch wenn sich die Nachfrage in wichtigen europäischen Märkten wieder gefestigt habe. Zur Aufhellung der Konsumstimmung forderte Kurth eine schnelle Entlastung der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie des verarbeitenden Gewerbes bei den gestiegenen Kraftstoffpreisen.