Vorübergehend geschlossen
Wer 25 oder 30 statt 55 Quadratmeter für Küche und Wohnen zur Verfügung hat, merkt den Unterschied unmittelbar. Die Spülmaschine, die in der großzügigen Planung in einem Winkel der Küchenzeile dezent ihren Dienst verrichtet, steht auf kleinerem Raum gefühlt neben dem Sofa und nervt. Dasselbe gilt für Abwaschgeräusche, die Betriebsgeräusche des Kühlgeräts und den Blick auf die vollgestellte Arbeitsfläche. Neugebaute Wohnräume in Ein- und Mehrfamilienhäusern waren in Deutschland 2025 im Schnitt 95,2 Quadratmeter groß. Das sind gut 21 Quadratmeter weniger als 2007 (Quelle: Destatis). Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht von einer Trendwende nach Jahrzehnten wachsender Grundrisse. Diese Entwicklung wird sich vermutlich fortsetzen. Allein schon wegen der Baukosten, die seit den Lieferkettenstörungen der Corona-Zeit massiv gestiegen sind. Je nach statistischer Betrachtung (Preise, Index etc.) um rund 45 Prozent in den letzten fünf Jahren (Quelle: Destatis). Wer weniger Fläche finanzieren kann, plant zwangsläufig sämtliche Bereiche kompakter. Für die teuren städtischen Lagen gilt das um ein Vielfaches im Vergleich zum ländlichen Raum. Für die Küchenplanung kann sich das anfühlen wie ein Rückfall in alte Zeiten, als man in geschlossenen Küchenräumen Funktion und Stauraum auf verhältnismäßig geringer Fläche unterbringen musste. Da vermutlich niemand zurück ins Kabuff einer Frankfurter Küche will, gewinnt die Planung einer temporären Trennung zwischen Wohnen und Küchengeschehen an Wert.
Offen, aber nur halb
Aktuelle Trendbeobachtungen sehen ein Comeback halbgeschlossener Konzepte, sei es über Schiebetüren oder Pocketdoors, die sich je nach Situation öffnen oder schließen lassen. Das ist nicht neu. Schon mit dem Fall der Mauern zwischen Küche, Essen und Wohnen etablierte sich in Teilen des Marktes der Trend, die Möbeltechnik hinter schrankhohen Türen zu verbergen. Damit der Raum wohnlicher wirkt, wenn gerade nicht vorbereitet, zubereitet oder etwas aufgespült wird. Außerdem werden Betriebsgeräusche hinter einer zusätzlichen Möbelfront weiter gedämpft. Der Vollständigkeit halber: Parallel dazu setzten andere Konzepte auf das selbstbewusste Zurschaustellen von Einbaugeräten, Kühlcentern und Weinlagerschränken. Denn moderne Geräte, Spülcenter und Armaturen sehen oft umwerfend aus und werden hinter geschlossenen Fronten weit unter Wert verkauft.
Ein Klassiker in neuer Dimension
Hinzu kommt der Nutzen eines altbekannten Möbelstücks: die Durchreiche. Seit wohnlich wirkende Küchen mit Wohnanschluss Mauern als Zumutung betrachten, sind sie aus Neubauten verschwunden. Nun kehrt sie zurück und öffnet den Raum fein dosiert. Aber dabei großzügiger als die schmale Klappe der 1950er-Jahre. Oder gleich gänzlich neu in begehbarer Ausführung. Raumhohe Schiebeelemente oder Glastüren übernehmen dieselbe Aufgabe wie einst der halbe Quadratmeter Durchgriff. Sie stellen Sichtkontakt her, wo er gewünscht ist, und sorgen für Ruhe und Geruchskontrolle, wo er es nicht ist.
Ob großzügige Durchreiche mit Klappentür, Pocketdoors auf oder vor der kompletten Küchenzeile oder flexible Türsysteme zur Abtrennung eines in der Fläche geschrumpften Küchenareals: Der Nutzen ist identisch. Der Anspruch an Planung und Ausstattung bleibt jedoch unberührt. Und auch der Begriff „kleine Küchen“ passt nicht. Es wird lediglich die Öffnung zum Wohnraum neu definiert. Hauptsache, die kreisenden Geräusche aus dem Geschirrspüler versauen einem nicht länger den Krimi.
Dirk Biermann

