30.07.2026

In der aktuellen Ausgabe KÜCHENPLANER 7/8 werden Sie auf die neue Rubrik „Zweite Meinung“ stoßen. Es ist ein Wortspiel mit kreativem Hintergrund. Denn bei Berichterstattung kommt es immer wieder zur Begegnung mit Themen, die sich einer neutralen Einordnung entziehen wollen wie ein nasses Stück Seife.

Dirk Biermann

Dass aus der Idee eine Rubrik geworden ist, liegt an der AMK (Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e. V.). Auf ihrer Jahrespressekonferenz in Köln hat sie vor einigen Wochen so facettenreich über die aktuelle Lage der Küchenbranche und die Marktzahlen für 2025 berichtet, dass vereinfachende Einordnungen merkwürdig unvollständig wirken. Wie geht es der Branche nun wirklich? Ist ein ähnliches Umsatzergebnis wie im Vorjahr Stagnation, unter Berücksichtigung der Inflation sogar ein Rückgang? Ja, sicher. Oder ist es nach verlustreichen Jahren, in denen vertraute Marktmechanismen wie über Nacht abhandengekommen sind, ein vernehmliches Aufatmen und Ausdruck von Widerstandskraft? Stimmt ebenfalls. Es hätte schließlich alles noch viel schlimmer kommen können, angesichts der unübersichtlichen und immer öfter globalen Bedingungen, auf die man keinen Einfluss hat. Wie ist also eine Seitwärtsbewegung der Küchenmöbelumsätze einzustufen, wenn die Nachbarn in der Möbelindustrie über alle Segmente hinweg rote Zahlen schreiben? Ist das Krise, Transformation oder Anpassung an Marktgegebenheiten? Mit „Zweite Meinung“ haben wir einige Überlegungen parallel zur journalistischen Meldung ins Sparring geschickt. Bewusst überspitzt, tendenziös und selektiv, wie es sich für eine Meinung gehört. Eine objektive Wahrheit lässt sich auch mit diesem Format nicht finden. Es zeigt jedoch, wie sehr sich die Sicht auf die Realität verdichtet, je nachdem wie wir über einen Sachverhalt denken wollen. Und dass es immer auch eine andere Position gibt.

Das Prinzip funktioniert
Es ist grundsätzlich hilfreich, das eigene Denken nicht unbegleitet agieren zu lassen und ihm auch noch kritiklos zu folgen. Dieser Ansatz ist der Küchenbranche quasi in die Wiege gelegt. Denn ohne Margarete Schütte-Lihotzky gäbe es das Konzept der Einbauküche, wie wir es heute kennen und lieben, nicht. Vor genau 100 Jahren machte sie aus Einzelteilen und allem, was an Raum übrig war, ein seriell wiederholbares Konzept: die Frankfurter Küche als Prototyp eines Raum- und Einrichtungssystems, bei dem Vorbereitung, Kochen, Spülen und Aufbewahren logisch aufeinander bezogen sind. Die Arbeitszonen lagen auf kurzen Wegen beieinander, Stauraum und Hygiene waren von Anfang an mit eingeplant. So wurde aus wenigen Quadratmetern Restwohnraum ein Modell, das die Küchenplanung bis heute prägt.
Das funktioniert in separaten Räumen und, wie wir inzwischen wissen, auch hervorragend im offenen Wohnkonzept. Die Küche ist inzwischen für viele Menschen der Mittelpunkt des Alltags und die perfekte Kulisse für die besonderen Momente des Miteinanders. Klar, es gibt auch Module, mit denen sich eine Kücheneinrichtung zusammenstellen lässt, doch am besten funktioniert die Idee der Küche als Einbauküche, bei der alles optisch und technisch zusammenpasst und viele Jahre hält.

Systembestandteil mit Nutzen
Vielleicht ist es gerade diese Beständigkeit, die die Küche für viele Menschen zum Sehnsuchtsort des Wohnens macht. Inzwischen gilt das auch für immer mehr Gerätehersteller, die sich zunehmend verzweifelt fragen, wie sie in diesem Vertriebskanal Fuß fassen können, um dem ruinösen Preisverfall und der Konzentration der Handelslandschaft auf anderen Kanälen zu entkommen. In Elektro-Großmärkten und auf Online-Plattformen ist jedes Gerät ein unterschiedlich dimensionierter Kasten mit einem Preisschild an der Front. In der Einbauküche wird es hingegen zum Systembestandteil mit einem Nutzen. Den Grundstein dafür legte Margarete Schütte-Lihotzky mit der Frankfurter Küche vor 100 Jahren. Dass sich diese Idee so prächtig entwickeln konnte, ist zu großen Teilen das Verdienst der AMK. Der Verein ist ein neutraler Branchenstammtisch und wirkt wie ein Lagerfeuer, an dem sich alle unter strengen Complianceregeln immer wieder gern versammeln. Dass der 70. Vereinsgeburtstag vor wenigen Wochen in Mannheim bei knapp unter 40 Grad Lufttemperatur stattfand, passt irgendwie. Oder gibt es dazu eine zweite Meinung?

Dirk Biermann



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