15.09.2020

Die Architekturwerkstatt wird am kommenden Samstag für Gäste aus dem Fachhandel öffnen. Das ist in Zeiten der Corona-Pandemie nicht selbstverständlich. Andere Ausstellungszentren haben sich gegenteilig entschieden. Im Gespräch erläutert LEICHT-Vorstand Stefan Waldenmaier die Hintergründe. Und er schildert, welche Neuheiten die Kollektion bereithalten wird und was der Neubau der Produktion in Gügling macht.

LEICHT-Vorstand Stefan ­Waldenmaier ist bei allem gebotenen Respekt ­zuversichtlich für den Messeherbst 2020 in der Architekturwerkstatt.

Mit dem neuen Programm „Bossa“ hat die Architekturmarke LEICHT eine vertikal linierte Echtholz-Oberfläche aufgenommen. Neu ist auch die Korpusfarbe Carbongrau sowie die Planungshöhe 86 cm.

KÜCHENPLANER: Heute in rund sechs Wochen (das Gespräch fand am 5. August statt) beginnt die Küchenmeile 2020. Dann öffnet auch die Architektur­werkstatt, in der LEICHT zusammen mit weiteren Ausstellern Neuheiten präsentiert. Wie ist Ihre Stimmungslage aktuell? Überwiegt freudige Erwartung, oder eher ein banges Blicken, was alles noch geschehen könnte bis dahin?
Stefan Waldenmaier: Der Blick nach Löhne zur Archi­tekturwerkstatt ist generell voller Vorfreude. Wir freuen uns auf die Möglichkeit, unsere Handelspartner dort zu treffen. Das gilt auch für die Mitaussteller. Wir sind aber auch mental darauf vorbereitet, dass die Zahl der Besucher geringer ausfallen wird im Vergleich zum Vorjahr. 2019 waren wir zur Premiere sehr glücklich mit den Besucherzahlen. Wir gehen davon aus, dass es in diesem Jahr etwa die Hälfte weniger sein könnte.

Wie viele Besucher waren es im letzten Jahr?
Fast 3500 gezählte Besucher im System. In diesem Jahr gehen wir davon aus, dass 1600 bis 1800 Besucher kommen werden. Das ist natürlich deutlich weniger im Vergleich, aber immer noch eine Zahl von hoher ­Bedeutung.

Die Frage „Physische Messe, ja oder nein?“ ist in diesen Tagen ein Dauerthema. Natürlich wegen ­Corona. Welche Gründe haben Sie bewogen, die Architektur­werkstatt im September zu öffnen?
Ich spreche jetzt explizit für LEICHT, auch wenn ich annehme, dass die Mitaussteller der Architekturwerkstatt eine ähnliche Grundhaltung haben. Um diese Grundhaltung geht es. Ja, wir sehen natürlich auch, dass es einen Virus in der Welt gibt, der eine Gefahr mit sich trägt. Wir sagen aber auch, dass das Geschäft weitergehen muss. Trotz aller Gefahren und im Bewusstsein der Notwendigkeit, sauber und genau mit der Situation umzugehen. Und das findet ja auch statt. Der Vertrieb ist bei allen Unternehmen der Branche weiter unterwegs und besucht die Handelspartner. Endkunden gehen glücklicherweise verstärkt in die Geschäfte und kaufen sich Möbel und vor allem Küchen. Es läuft also weiter. Insofern wollen wir mit der Präsenz in ­Löhne ein Zeichen setzen.

Das da lautet?
Unsere Haltung ist die: Wir müssen und wir wollen einen Weg finden, um uns mit dem Corona-Virus zu arrangieren. In den nächsten Monaten oder vielleicht sogar Jahren. Solange, bis es einen Impfstoff gibt. Wenn wir jetzt sagen, wir machen keine Messe, dann müssten wir das auch sagen, wenn der Status quo unverändert bleibt. Also solange es keinen Impfstoff gibt. Dann müssten wir auch sagen, dass es keine Messe in einer anderen großen Stadt in Deutschland oder im Ausland geben kann. Denn solange gelten ja die gleichen Voraussetzungen.
Meine persönliche Ansicht lautet: Vorsicht, Rücksicht, die Hygieneregeln maximal beachten – und dann schauen, dass man den Umgang mit dem Virus geregelt bekommt. Deshalb stellen wir jetzt im September aus. Weil wir das Geschäft weiterhin betreiben wollen und weil wir die Händler mit unseren Produkten begeistern wollen.

Was müssen Händler beachten, wenn sie die Architektur­werkstatt zur Küchenmeile besuchen wollen? Müssen sie sich vorher anmelden?
Ja, richtig. Vom Hygienekonzept sind wir gefordert, genau zu wissen, wie viele Personen sich im Gebäude zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhalten. Deshalb haben wir eine verbindliche Online-Anmeldung im Vorfeld installiert. Diese wird ab 10. August und dann in den nächsten Wochen mehrmals von allen Ausstellern an ihre Kunden versendet. Jeder, der kommen will, kann und muss sich mit seinen Daten online anmelden. Damit wir schon im Vorfeld wissen, wie stark ein Besuchertag eventuell werden wird. Unangemeldete Besucher können die Ausstellung natürlich auch besuchen, sie müssen sich dann vor Ort anmelden und werden ins System aufgenommen. Im Gebäude selbst besteht die Pflicht, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Zudem werden ausreichend Desinfektionsspender zur Verfügung stehen. Und es muss auf Abstand geachtet werden.
Grundsätzlich sind wir mit der Architektur des Ausstellungsgebäudes in einer glücklichen Situation. Wir haben zwei große Außenbereiche, einen sehr breiten Hallengang und separate Ausstellungsflächen. Ist eine Ausstellungsfläche mit einer bestimmten Personenzahl gefüllt, würde diese Fläche erstmal für weitere Besucher gesperrt. Aber die Gäste könnten im Gebäude bleiben oder gegebenenfalls im Außenbereich verweilen. Ein weiterer Pluspunkt ist die extrem hohe Hallenhöhe. Der Luftaustausch und die Zufuhr frischer Luft findet über die Türen statt. Die Raumluft wird über Ventilatoren unter der Decke abgeführt. Wir haben in der Architekturwerkstatt also keine Situation mit niedrigen Hallenhöhen und stickiger Luft. Es ist vom Volumen viel Luft für den Austausch vorhanden. Das wurde auch bei der Begehung mit den Fachleuten vom Gesundheitsamt positiv wahrgenommen.

Zum Inhalt der Messe: Was erwartet die Besucher in der LEICHT-Ausstellung in diesem Jahr?
Wir haben mit Carbongrau eine weitere, sehr elegante Korpusfarbe aufgenommen. Ergänzend zu unserem Platingrau. Außerdem verfügen wir nun über eine dritte Korpushöhe. 86 cm zusätzlich zu den schon verfügbaren Planungshöhen 80 cm und 73 cm. Das sind zwei wesentliche Neuheiten.

Ist die Korpusfarbe Carbongrau in allen Programmen verfügbar?
Ja, über alle Programme und Gestaltungslinien hinweg. Und sie ist flexibel einsetzbar. Der Planer kann zum Bespiel in der Zeile mit Platingrau beginnen und bei der Insel komplett zu Carbongrau wechseln. Im Schrank ist dann alles einheitlich: Schubkasteneinsätze, Abfallbehälter – alles ist in Carbongrau.
Ein Schrank kann komplett in einer eigenständigen Farbe geplant werden. Dafür stehen Platingrau als eher sachliche Farbe zur Verfügung und Carbongrau als eher emotionalere Farbe. Und das preisgleich.

Neuigkeiten gibt es auch im Fronten-Programm.
So wurde bereits die linierte Echtholz-Front „Bossa“ angekündigt.
Das ist unsere dritte wesentliche Neuheit der Kollektion. Wir haben lange nach einer Oberfläche geschaut, die einerseits eigenständig ist, die aber auch den angrenzenden Raum sowie Wandflächen noch mehr in die Planung einbezieht. Mit diesem radikal linierten Holzprogramm lassen sich optisch attraktive Küchen gestalten, aber auch schöne Wohnmöbel kreieren oder ganze Wände verkleiden. Das könnte man natürlich auch mit dem Holz, dass wir heute schon im Programm haben, aber die vertikale Linierung von „­Bossa“ hat einen ganz eigenen Charakter und eine ganz spezielle Ausstrahlung. Deshalb haben wir uns entschieden, diese besondere Front in die Kollektion ­aufzunehmen.

In einer Vorankündigung heißt es: LEICHT betritt Neuland mit dieser Front. Wie ist das zu verstehen?
Das bezieht sich auf die Oberflächengestaltung. Es ist keine glatte Front, wie in der Küche meist üblich. „­Bossa“ verfügt über vertikal verlaufende Vertiefungen im Abstand von 0,5 mm. Da fragt man sich auf den ers­ten Blick durchaus: Wie reinige ich das denn? Andererseits hat diese Oberfläche einfach eine wunderschöne Ausstrahlung. „Bossa“ ist kein Produkt für jeden Tag und kein Produkt für jedermann. Diese Front wird polarisieren, aber es wird einen Markt dafür geben. Erste Kundenreaktionen machen uns da sehr zuversichtlich. Und es ist ein Produkt, das man von LEICHT auch erwarten darf.

Im Juni kündigten Sie an, die Ausstellung im ­September über digitale Werkzeuge zu begleiten.
Was planen Sie dazu?

In erster Linie produzieren wir derzeit zahlreiche Videos für unsere Website und für Social Media. Ergänzend zum Bild. Damit wollen wir unsere Produkte noch emotionaler darstellen und erklären.

Ein ganz anderes Thema: Wie läuft es mit dem Neubau der Produktion? Die ursprünglichen Pläne sahen die schrittweise Verlagerung von Waldstetten nach Gügling ab Dezember 2019 vor, den Start der Produktion im September 2020 und den komplett vollzogenen Umzug im Januar 2021. Läuft’s?
Wir liegen voll im Plan. In der Woche 36, also Ende ­August, beginnen wir mit einer datentechnischen Vorproduktion. Dabei lassen wir kleinere Aufträge komplett durch das System laufen und prüfen, ob die einzelnen Schritte reibungslos ineinandergreifen und ob alles funktioniert. Dass beispielsweise die passenden Waren aus dem Hochregallager geholt werden, die Roboter korrekt greifen und die Bauteile an die richtigen Stellen legen, ob die Bohrungen und Fräsungen exakt gesetzt werden. Diese und zahlreiche weitere Schritte testen wir mehrfach in allen Details. Anschließend folgt in der ersten Septemberwoche eine 0-Serien-Produktion. Dafür haben wir fünf Grundrisse konzipiert, die wir mehrmals produzieren, um auch darüber zu prüfen, ob alles funktioniert. Die erste Produktion einer bestellten Küche ist dann für Ende September geplant, in den Kalenderwochen 39/40. Zwei Jahre nach Spatenstich produzieren wir in Gügling dann die erste Küche auf ­Kundenbestellung.

Woran wird ein Handelskunde im Frühjahr 2011 ­merken, dass bei LEICHT eine komplett neue ­Produktion ans Netz gegangen ist?
Er sollte eigentlich nichts merken. Außer, dass es gut läuft. Was er aber in der Folgezeit merken könnte, ist, dass es keine Engpässe mehr gibt. Wir haben die letzten zwei Jahre eng an unseren Kapazitätsgrenzen gearbeitet und das hat in manchen Phasen die Lieferzeiten deutlich verlängert. Unsere Kunden werden also merken, dass wir auf ein Normalmaß zurückkehren. So, wie es vor zwei Jahren üblich war.

Wie sind ihre üblichen Lieferzeiten?
Drei bis vier Wochen für Oberflächen in Melamin und Schichtstoff. Das ist für unser Marktsegment absolut adäquat.

Und noch ein letztes Thema: Wie ist das Unternehmen LEICHT durch die ersten Corona-Monate gekommen?
In der ersten Zeit ging es erstmal darum, der nachvollziehbaren Unruhe unter den Mitarbeitern zu begegnen und die Situation stabil zu halten. Es wusste ja niemand, wie es weitergehen wird. Wir konnten aber die ganze Zeit durchproduzieren. Eine unserer Herausforderungen war die Auslieferung fertiger Ware in Länder mit einem massiven Lockdown. In Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien. Mit örtlichen Handelspartnern, die ihre Läger noch selber betreiben, konnten wir in vielen Fällen gute Lösungen finden.

Und die Warenverfügbarkeit?
Die konnten wir eigentlich auch ganz gut meistern. Wir hatten viel Material und Zulieferteile auf Lager, und durch unsere hohe Fertigungstiefe produzieren wir ohne­hin viel selbst.
In der Gesamtbetrachtung sind wir mehr oder weniger ganz gut durch diese erste Phase der Krise durchgekommen. In wichtigen Exportmärkten haben wir den Lockdown im Mai zwar sehr gespürt, auch mit Minuszahlen in diesen Märkten, im Ganzen haben wir aktuell aber eine stabile Situation. Deutschland läuft sehr gut, auch wichtige Exportmärkte fassen wieder Fuß und melden Frequenz in den Geschäften. Nun hoffen wir, dass sich dies fortsetzt. Die Auslastung ist aktuell gut, die Aufträge kommen, die Moral der Mitarbeiter ist auch gut. Und nun freuen wir uns auf die Architekturwerkstatt im September.

Das Gespräch führte Dirk Biermann