25.09.2020

Eine Milliarde Meter. Das sind eine Million Kilometer. Wollte man diese Strecke zurücklegen, müsste man etwa 2,6-mal zum Mond fliegen, 25-mal die Erde umrunden oder 28.280-mal auf direktem Weg vom Dortmunder Westfalenstadion zur Schalker Veltins-Arena fahren. Diese beeindruckende Menge Möbelkanten produziert das Unternehmen Egger in einem Jahr.

Mangen das Kantengeschäft von Egger (Foto von links): Thomas Streichardt (Technik) und Joachim Dausch (Vertrieb und Marketing). Foto: Egger

Standort Brilon: 2016 ging das zweite Kantenwerk der Egger Gruppe in Betrieb. Foto: Egger

Die Polypropylen-Kante (PP-Kante) wird in der Küche favorisiert. Foto: Egger

Egger als Holzwerkstoffhersteller kennt jeder. Dass das Unternehmen auch Möbelkanten produziert, ist manchen weniger bewusst. Oder allenfalls am Rande nach dem Motto: „Machen die nicht auch was mit Kante?“ Ja, machen die. Sogar eine beeindruckende Menge, wie Joachim Dausch und Thomas Streichardt im Gespräch mit dem KÜCHENPLANER berichten.
Joachim Dausch und Thomas Streichardt verantworten den Geschäftsbereich Möbelkante bei ­Egger. ­Joachim Dausch als Leiter Vertrieb und Marketing, ­Thomas Streichardt als Technik-Chef. Wobei ­Joachim Dausch neu in der Führungsriege des Holzwerkstoffherstellers ist. Er kam am 1. Mai 2020 zum Unternehmen. Vorher war er für Unternehmen wie Rehau und Döllken (heute Surteco Gruppe) tätig. Zuletzt verantwortete er als CEO die Geschicke der Primo Profile GmbH, Hersteller von Kunststoffprofilen für den Baubereich. Seit 30 Jahren arbeitet er in der kunststoffverarbeitenden Industrie und bringt seine Expertise nun also bei Egger im Kantengeschäft ein. Ähnlich umfangreich ist die Erfahrung von Thomas Streichardt. Auch er beschäftigt sich schon mehr als 20 Jahre mit dem Produkt Möbelkante. Als Projektleiter Technik/Produktion Kante kam er 2015 zur Egger Gruppe und verantwortete den Aufbau der Produktion in Brilon. Heute ist er für sämtliche technischen Belange der beiden Kanten-Fertigungen der ­Egger Gruppe, in Brilon und in Gebze/Türkei, zuständig.
Im Gespräch mit Joachim Dausch und Thomas ­Streichardt ging es um Strategien und Zukunftspläne. Dabei wurde deutlich, dass Egger dem Werkstoff Polypropylen, kurz PP, eine besondere Bedeutung zumisst. PP sei mit seinen Eigenschaften prädestiniert für den Einsatz in der Küche und der Markt böte viele Wachstumschancen, meint das Unternehmen. National wie international. Dabei sieht sich Egger mit modernen Anlagen seiner „Industrie 4.0“-Produktion am Standort Brilon sehr gut aufgestellt. Und das Unternehmen ist bereit, weiter in diesen Markt zu investieren. Was auch für den favorisierten Digitaldruck gilt.

Küchenplaner: Welche Bedeutung hat die Möbelkante für Egger?
Joachim Dausch:
Ich bin jetzt drei Monate im Unternehmen und wirklich beeindruckt, welche Entwicklung Egger in den letzten fünf Jahren mit dem Produktbereich Kante gemacht hat. Und es erstaunt mich etwas, dass die Bedeutung von Egger als Kantenproduzent manchen unserer Kunden gar nicht so sehr bewusst ist. Wir selbst sehen uns im Kantenbereich weltweit als die Nr. 3 im Markt. Im Bereich der PP-Kante sogar als Nr. 2. Und das mit mehr als 1000 Mitarbeitern in unseren beiden Kanten-Werken in Brilon und ­Gebze in der Türkei.

Egger und die Möbelkante: Diese Geschichte ­beginnt im Jahr 2010 mit Übernahme von Roma Plastik. ­Liege ich mit dieser Erinnerung richtig?
Thomas Streichardt:
Die Egger Gruppe war bei Roma Plastik seit 2010 beteiligt. Mit mehr als 70% sogar als Mehrheitsgesellschafter. 2016 folgte dann die komplette Übernahme. Und die Umbenennung in Egger Dekor. Seit April 2016 fertigen wir auch am Standort Brilon in einer hochmodernen Produktion auf Basis Industrie 4.0. Unser Schwerpunkt in Brilon war von Beginn an die PP-Kante. 2018 haben wir dann eine dritte Produktionslinie in Betrieb genommen. Inklusive zwei Digitaldruck-Anlagen.

Wie hat sich der Geschäftsbereich Kante in dieser Zeit entwickelt?
Joachim Dausch:
Technisch und vertrieblich sehr positiv. PP ist der bei Weitem anspruchsvollste Kantenwerkstoff und schwierig zu verarbeiten. Egger ist heute Vollsortimenter im Bereich PP-Kante mit hohem fachlichem Know-how. Und der einzige Anbieter am Markt, der ausschließlich auf Digitaldruck setzt. Das heißt, alle unsere PP-Kanten sind digital bedruckt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal und besonders für die Küchenindustrie ein wichtiges Qualitätskriterium.

Was macht die Qualität des Digitaldrucks aus?
Thomas Streichardt:
Der brillante Druck in Fotoqualität und die Rapportunabhängigkeit, das heißt, dass sehr lange Oberflächenstrecken produziert werden können, ohne dass sich Dekor-Elemente wiederholen. Das ist besonders bei Arbeitsflächen von großer Bedeutung, denn so können ganz besondere Design-Akzente gesetzt werden.
Außerdem können wir mit dem Digitaldruck flexibel und schnell reagieren. Bei der Einstellung eigener Dekore und bei der Realisierung von Kundenwünschen. Oder wenn Details aus der Platte in der Kante nachgestellt werden sollen. Im Gegensatz zum Tiefdruck entfällt beim Digitaldruck zum Beispiel das aufwendige Erstellen von Druckwalzen.
Und ein weiterer großer Vorteil: Mit dem Digitaldruck erreicht man eine viel konstantere Qualität. Im Vergleich zum Tiefdruck keine Verschleißeffekte von Dekorwalzen im Druck und kein Eindicken von Druckfarben.

Wir sehen die Zukunft ganz klar im Digitaldruck. Aktuell haben wir hier in Brilon drei solcher PP-Anlagen mit zwei Digitaldruckern. Sollten wir weitere Druckkapazitäten aufbauen, haben wir uns entschlossen, nur noch in den Digitaldruck zu inves­tieren. Aber nicht mehr in die Technik für den herkömmlichen Tiefdruck.
Joachim Dausch:
Besonders ist uns am Dekorverbund von Platte und Kante gelegen. Auch hier bietet der Digitaldruck wesentliche Vorteile.

Qualität, Flexibilität, Dekorverbund - eine weitere wichtige Säule ist sicher die schnelle Verfügbarkeit.
Joachim Dausch:
Absolut. Einer Datei ist erstmal egal, ob sie ein aufwendiges Steindekor nachstellt oder ein vergleichsweise simples Holzdekor. Die Umsetzung ist im Digitaldruck technisch ein vergleichbarer Aufwand und zeitlich schnell zu realisieren. Im Tiefdruck sind die Abstimmungsprozesse mit unseren Kunden und die gesamte Organisation sehr viel aufwendiger. Und sie dauern länger. Digitaldruck ist flexibel und schnell. Wir denken, das ist die Zukunft.

Wenn Sie also an Kante denken, denken Sie nur noch digital.
Joachim Dausch:
Zumindest hier am Standort Brilon. Unsere Kollegen in Gebze in der Türkei sind noch traditioneller aufgestellt. Aber auch dort ist das Ziel, die Produktion im Digitaldruck weiter auszubauen. Dabei können wir die positiven Erfahrungen aus Brilon nutzen.

Für welche Märkte produziert das Werk in Gebze?
Thomas Streichardt:
Als Egger das Werk im Jahr 2010 übernommen hat, wurde hauptsächlich für den türkischen Heimatmarkt gefertigt. Und für angrenzende Länder, besonders den Iran. Heute ist das Werk zu 80% auf das Exportgeschäft ausgerichtet. Kanten aus Gebze finden Sie auf allen Kontinenten. Das Werk hat sich in den letzten Jahren trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, besonders was den Heimatmarkt Türkei betrifft, sehr positiv entwickelt.

Wo liegt Gebze?
Joachim Dausch:
In der Nähe von Istanbul.

Wie sind die beiden Standorte im Größenvergleich einzuordnen?
Joachim Dausch:
Gut 900 der rund 1000 Mitarbeiter beider Werke arbeiten in Gebze. Und etwa 100 in Brilon. In Brilon ist der Automatisierungsgrad jedoch deutlich höher.
Thomas Streichardt: Um es mal in konkreten Zahlen zu sagen: In beiden Werken zusammen stellen wir 1 Mrd. laufende Meter Kante im Jahr her. Das sind eine Million Kilometer. Etwa 25% davon produzieren wir in Brilon.

Der Standort Brilon ist am 1. April 2016 an den Start gegangen. Wie hat er sich seitdem entwickelt?
Joachim Dausch:
Menge und Umsatz haben sich seitdem sehr positiv entwickelt. Dazu trägt im erheblichen Maße die Küchenmöbelindustrie bei. Zielrichtung unserer Aktivitäten hier in Brilon ist ganz klar die europäische Möbelindustrie. Mit den führenden Anbietern pflegen wir einen sehr engen und direkten Dia­log. Deshalb treiben wir auch das Thema PP so sehr voran. PP ist der Werkstoff der Wahl für die europäische Küchenindustrie. Insbesondere in Deutschland. Es ist der absolute Werkstoff Nr. 1.
Als das Werk in Brilon 2016 an den Start gegangen ist, hat sich auch die Frage gestellt, auf welchen Werkstoff man sich konzentrieren soll. Zu diesem Zeitpunkt ist eine sehr gute und sehr richtige Entscheidung getroffen worden. Nämlich auf den Werkstoff PP zu setzen. Brilon liegt im Zentrum von Deutschland und Europa und damit ganz nah an wichtigen Kunden, besonders der Küchenmöbelindustrie. PP hat heute von allen Kantenwerkstoffen die höchsten Zuwachsraten.

Was macht PP als Werkstoff denn so attraktiv?
Joachim Dausch:
Die wesentlichen Vorteile von PP im Kücheneinsatz sind die höchste UV-Beständigkeit unter den bekannten Werkstoffen, die Beständigkeit gegenüber Lösungsmittel und Chemikalien sowie die Wärmebeständigkeit. Das sind wichtige Aspekte in der Küche. Im Fertigungsprozess kann die PP-Kante per Laser und Klebstoff mit dem Möbel verbunden werden. Beides ist möglich.

Gibt es auch Einschränkungen? Wenn ja, welche?
Thomas Streichardt:
Allenfalls, dass eine PP-Kante nicht überlackiert werden kann.
Joachim Dausch: Als weitere positive Eigenschaft kommt aber noch die Flexibilität des Materials hinzu. Man kann sehr enge Radien verarbeiten. Was mit ABS so nicht funktioniert. Das ist gerade im Bereich der Küchenarbeitsplatten ein großes Thema. Wir sind sehr stolz drauf, dass unsere Lösungen bei den führenden Küchenmöbelherstellern sehr anerkannt sind. Wir rezeptieren selber und haben Kantentypen, die hochflexibel sind und alle Anforderungen erfüllen.

Können Sie sagen, wie hoch der Anteil der PP-Kante in der deutschen Küchenmöbelindustrie aktuell ist?
Thomas Streichardt:
Mindestens 90%. Bei Herstellern, die ihre Möbel und Platten selber bekanten sogar noch höher. Der Werkstoff ABS fließt in erster Linie über Zulieferteile, meist aus anderen Ländern, in die Produktionen ein.
Wenn ich sie bislang richtig verstanden haben, lautet ihre Aussage: PP ist in der Küchenmöbelindustrie das Kantenmaterial der Wahl, und wir von Egger können das besonders gut. Worauf bauen ihre

Qualitäten als Produzent?
Joachim Dausch:
Wir haben hier in Brilon das modernste Kantenwerk weltweit. Für uns war es ein riesiger Vorteil, quasi von null auf der grünen Wiese starten zu können. So konnten wir eine homogene Technologie installieren. Bei gewachsenen Produktionen sieht das mit den nach und nach getätigten Investitionen meist sehr viel uneinheitlicher aus. Allein schon, weil unterschiedliche Fertigungsverfahren zum Einsatz kommen.
In Brilon profitieren wir von einheitlichen Fertigungstechnologien. Und wir setzen wie gesagt auf den Digitaldruck. Die Anlagentechnik ist von Anfang an auf Basis Industrie 4.0 konzipiert worden. Dafür hat Egger keine Investitionen gescheut. Das ist auch der Grund dafür, dass es gelungen ist, das Produkt PP-Kante in so kurzer Zeit zum Erfolg zu machen.

Wie ist der aktuelle Stand der Auslastung? Bezogen auf die Kapazitäten am Standort Brilon?
Thomas Streichardt:
Wir haben noch Möglichkeiten zu wachsen. Was auch daraus resultiert, dass wir bei der Anlagenkonzeption sehr konservativ geplant haben. Heute können wir eine höhere Leistung aus den Anlagen generieren, als wir nach der ersten Planung angenommen hatten. Aber wir investieren weiter. Aktuell zum Beispiel im Schneidbereich. Auch bei den Kalander-Anlagen werden Investitionen folgen. Diese sind aber noch nicht konkret.

Wie viele Anlagen haben sie derzeit im Einsatz?
Thomas Streichardt:
Wir arbeiten mit drei Kalanderanlagen. Die laufen an sieben Tagen, 24 Stunden. Gerade haben wir eine fünfte Schicht über alle Anlagen aufgebaut. Auch um unsere Lieferzeiten wieder abzukürzen.

Was hat diese nach oben gebracht? Und wie sehr?
Joachim Dausch:
Auch wir hatten durch Corona starke Schwankungen zu bewältigen. Nach einem Einbruch in den Monaten April und Mai zog die Nachfrage aber wieder deutlich an, teils sogar extrem, und wir waren mit den Lieferzeiten bei manchen Dekoren in der Spitze bei fast 10 Wochen. Normal kalkulieren wir mit vier Wochen. Daran nähern wir uns wieder an.

Werden im Moment so viele Küchen verkauft und produziert? Oder woran machen sie den deutlichen Auftragsschub fest?
Joachim Dausch:
Das Küchengeschäft läuft positiv, das hören wir von allen wichtigen Küchenmöbelherstellern. Aber manche Spitze ist auch entstanden, weil zum Beispiel Läger bei unseren Kunden wieder aufgefüllt wurden. Die wurden in den Corona-Monaten März und April eher abgebaut.
Thomas Streichardt: Das Thema Lieferzeiten ist sehr differenziert zu sehen. Bei den meisten Dekoren sind wir nach wie vor sofort lieferfähig. Es gibt ja auch viel Lagerware. Zu sagen, die Lieferzeit bei Egger ist durchgängig auf acht, neun oder zehn Wochen gestiegen, ist zu allgemein. Im Moment pendeln wir uns über alle Segmente hinweg wieder auf Vor-Corona-Zeiten ein.

Nochmal zur Frage der generellen Auslastung von Brilon. Können Sie dazu eine konkrete Zahl nennen?
Joachim Dausch:
Das ist gerade wirklich nicht leicht zu beantworten. Wir haben drei turbulente Monate hinter uns und eine sehr besondere Situation zu steuern: Die Nachfrage hat von jetzt auf sofort stark nachgelassen und ist dann extrem wieder angestiegen. Diesen Wechsel zu steuern, ist uns gut gelungen. Auch in Abstimmung mit unseren Kunden aus der Küchenmöbelindustrie. Wir haben über die gesamte Zeit alle Vereinbarungen lückenlos erfüllt.

Wo soll Egger in einem Jahr mit dem Produkt Möbelkante stehen?
Joachim Dausch:
Wir wollen unsere Marktposition wesentlich ausbauen. In unserem Heimatmarkt in Deutschland, aber auch international und über Europa hinaus. Der Bereich PP wurde von vielen Marktteilnehmern lange Zeit vernachlässigt. Es gibt noch viele Marktanteile zu verteilen und zu gewinnen. Daran wollen wir wesentlich teilhaben.

Das Gespräch führte Dirk Biermann