16.04.2026

„Salone del Mobile“ und „EuroCucina“ laden wieder zum kreativen Gipfeltreff jenseits der Alpen ein. Ist das noch eine Trendschau auf die nächsten zwei Jahre – oder schon eine Einladung zur Realitätsflucht? Eine Einordnung zu dem, was uns erwarten dürfte.

Klotzen statt kleckern: Die „EuroCucina“ in Mailand ist für ihre expressive Küchenkunst bekannt. Wie viel davon lässt sich in diesen Zeiten ins Tagesgeschäft retten? Foto: Cesar Cucine

Mit der Installation „Presence“ hebt Gaggenau sein Markenverständnis auf eine neue Ebene – und seine Einbaugeräte-Serien auf ein sichtbares Messe-Podest. Foto: Gaggenau

Manchmal liegen Vorfreude und Vorahnung dicht beieinander. Dann zum Beispiel, wenn die Welt in der kommenden Woche (21. bis 26. April 2026) wieder nach Mailand blickt, wo sich die Doppelmesse aus „Salone del Mobile“ und „EuroCucina“ anschickt, die Grenzen des Sag- und Designbaren auszuloten. Ein Termin, der mit Neugier erwartet wird, aber bei dem man sich durchaus auch fragen muss: Kann das, was uns dort erwartet, aus wirtschaftlicher Perspektive noch in irgendeiner Form ans tatsächliche Tagesgeschäft anknüpfen? Oder reisen die meisten Küchen- und Möbelproduzenten, darunter auch die deutschen, eigentlich eher mit der Devise „gute Miene zum schwierigen Spiel“ an?

Die Taschen voller Pläne
Mailand, das ist kein herkömmlicher Termin im Messekalender. Es ist vielmehr ein Versprechen: auf entfesselte Kreativität, auf starke Haptik und große Gesten – und auf Möbelentwürfe, die sich besser ansehen als verkaufen lassen. „Showbiz“ eben. Das macht Spaß und lädt zum Netzwerken ein, lässt groß denken und träumen. Und wer zurück nach Hause kehrt, hat die sprichwörtlichen Taschen nicht nur voller Visitenkarten, sondern auch voller Ideen und Pläne.
Wie aber wird sich das 2026 anfühlen – einem Jahr, in dem es innerhalb der Küchenbranche nach einer beachtlichen Berg- und Talfahrt vorerst nur leidlich geradeaus geht? Mit Produzenten, die zwar endlich wieder positive Umsätze schreiben, aber mit einem Auge sorgenvoll die geopolitische Eskalation beobachten? Und mit Handelspartnern, die zwei Jahre nach der letzten Biennale in Mailand ihren Showroom sortimentsseitig vielleicht noch gar nicht umgestellt haben – weil die Nachfrage mau und der geschäftliche Druck hoch waren?

Furiose Opulenz
Zugegeben, schon früher hat sich das privilegierte Messetreiben von Salone und EuroCucina nie eins zu eins auf die deutsche Showroom-Mentalität übertragen lassen. Besonders italienische Hersteller sind auf dem „Fuorisalone“, dem Innenstadt-Pendant zur Außenmesse, in ihrer Opulenz erfahrungsgemäß kaum zu bremsen: Sie setzen auf schwere Natursteine, blank gewienerten Edelstahl, Küchen mit Symbolcharakter und ungeheurer Präsenz. Von Sparkurs keine Spur. Dem schlossen sich damals, zur EuroCucina 2024, noch einige deutsche Küchenbauer an – darunter Häcker mit seinem polygonalen Küchenkubus in Inselform oder eggersmann mit einer virtuosen Fertigungstiefe in Stein und Stahl.

Aufgefrischt statt ausgetauscht
Und heute? Ein erster Blick auf das, was Fachgäste vom 21. bis 26. April in Mailand erwartet, beweist: So viel hat sich seither gar nicht getan. Und dann wiederum doch ganz schön viel. Denn neben Trends, die in diesem Jahr oftmals nur aufgefrischt statt ausgetauscht werden – darunter Holz als Fokusthema, das noch immer mit Rillen und Nuten versehen wird, oder Bordeaux, dessen Farbkomplexität in jeder Nuance zutage tritt – wird auch das sichtbar, was nicht auf dem Programm für 2026 steht.
Poggenpohl beispielsweise. Oder eggersmann. Selbst Poliform, eine feste italienische Instanz mit großzügigem Showroom im Herzen von Mailand, hat in diesem Jahr seine Teilnahme am Salone del Mobile gecancelt – zum ersten Mal seit 1970. Als temporäre, wenngleich bewusste Pause verkündete das Management des Premiumküchenherstellers diese Entscheidung.

Kunst und Kirche
Während die einen also pausieren, nutzen die anderen die Mailänder Messewoche, um die brachliegende Euphorie auf dem Küchenmarkt wieder anzukurbeln. Das gelingt am besten über Inszenierung, selbst dann, wenn dabei inhaltlich nichts Neues herausspringt. Update zur Printausgabe: Die folgende Passage zur Mailand-Präsenz von bulthaup ist nicht mehr aktuell. Das Unternehmen hat sich kurzfristig entschieden, seine Pläne aufzugeben. Als Grund werden „inakzeptable Rahmenbedingungen“ genannt. In der gedruckten Version heißt es: „Luxusküchenhersteller bulthaup kehrt – zum zweiten Mal nach 2018 – in die als Veranstaltungsort umgewidmete Kirche „Chiesa di San Carpoforo“ zurück. Noch immer hält der Produzent dabei am Messemotto von 2024 fest: „THINK – There is no kitchen“. Klar, möchte man hinzufügen, mehr Reduktion wäre ja auch nicht möglich gewesen. Aber haben sich die damals vorgestellten Neuheiten inzwischen auf deutschem Boden etabliert – nämlich die Dekonstruktion der Küche in ihre Einzelteile und deren baukastenartige Neuanordnung als modulares Werk aus Stahl und Massivholz?“
Und was wird wiederum LEICHT Küchen in Mailand präsentieren, dessen bonbonfarbener Hygge-Traum vom Küchenherbst in Ostwestfalen – mit hellen Holztönen und subtiler Landhaus-Ästhetik – in der italienischen Designmetropole zumindest optisch durchaus aus dem Raster, pardon, aus dem Rahmen fallen dürfte? Vielleicht kommt ja auch alles ganz anders, denn: Erstmals wird der Waldstettener Hersteller nicht auf dem Messegelände der Fiera Milano, sondern im Mailänder Zentrum anzutreffen sein – und zwar im Museum Poldi Pezzoli. Zwischen restaurierter Kunst und gesammelten Schätzen dürften sich dessen Küchen als architektonische Trophäe einreihen. Womit die Messlatte der EuroCucina dann gewissermaßen doch wieder sehr hoch liegt.

Auf der großen Bühne
Letztendlich – so lässt sich das Dilemma zwischen Krise und Küche vielleicht am besten lösen – hat in Mailand das Nebeneinander Platz: aus Stadt und Messegelände, Pomp und Hinterhof, Industrie und Handwerk. Und natürlich ebenso aus Möbeln und Geräten, denn auch prominente Geräte- und Zubehörspezialisten werden auf der EuroCucina wieder zugegen sein.
Zum dritten Mal mietet sich beispielsweise Premiumproduzent Gaggenau ins stilvolle Areal der Villa Necchi ein, um dort seine Installation „Presence“ vorzustellen. Mit dem Motto knüpft das Münchner Unternehmen nicht nur inhaltlich an die beiden vorangegangenen Designshows der letzten Jahre an, die unter dem Motto „A Statement of Form“ (2022) und „The Elevation of Gravity“ (2024) stattfanden. Auch auf einer gewissen Meta-Ebene scheint Gaggenau mit seinen Claims signalisieren zu wollen, dass das Unternehmen nun dort angekommen ist, wo es hin will: vertriebsseitig aus dem BSH-Konzern enthoben und in seiner globalen Markenarchitektur auf der großen Bühne angekommen. Dort zu sehen sein dürften in Mailand die beiden neuen Geräteserien „Expressive“ und „Minimalistic“.

Mottoparty
Fest steht jedenfalls schon jetzt, dass die 64. Ausgabe des Salone del Mobile ein Ringen um Sichtbarkeit und Selbstverständnis sein wird, kurz: eine Materialschlacht, weil sich mit echten Oberflächen eben auch echte Gefühle transportieren lassen – und die gehören zu Mailand dazu wie das Amen in der bulthaup-Kirche. Das greift der Veranstalter sogar selbst auf. „A Matter of Salone“, das diesjährige Fokusthema der Möbelmesse, spielt wortgewandt sowohl auf den englischen Begriff für „Materie, Gegenstand, Stoff“ an – als auch auf die simple Übersetzung von „Matter“ im Sinne von „Bedeutsamkeit“. Wie viel lässt sich einer Kreativmesse davon in schwierigen Konsumzeiten beimessen? Wir werden es erleben.
Interpretationsspielraum lassen auch zahlreiche andere Mottos zu: Nolte tritt mit seiner Premium-Linie „nolteneo“ unter dem Claim „Designed for real life“ an und wird sein neu aufgelegtes Echtholzkonzept präsentieren. SieMatic meldet sich mit dem Slogan „Colorful Tomorrow. The Architecture of Perception“ zurück auf dem internationalen Parkett – erstmals nicht im eigenen Flagship-Store, sondern im historischen Palais der „Fondazione Adolfo Pini“.

Time to bloom
Unterdessen quartiert das italienische Zugpferd Molteni seine Gäste sogar im Grünen ein: Die neue Outdoor- und Küchenkollektion inszeniert der Premiumhersteller in fünf begehbaren und miteinander verknüpften Gärten in der Innenstadt. Und zumindest mottoseitig geht es auch für Franke nach draußen: Der Schweizer Spezialist für den Wasserplatz lädt in seinem Flagship-Store in den „Pure Garden“ ein. Ein Ort, den das Unternehmen mit Blick auf Frische und Erholung mit folgendem Satz überschreibt: „A place to return to; a space to re-bloom“. Besser ließe sich die Beziehung zwischen der leidgeprüften Möbelbranche und Mailand eigentlich nicht beschreiben. Bleibt zu hoffen, dass das zarte Pflänzchen der Kreativität auch nach der Messe weiterhin keimt.

Susanne Maerzke