18.06.2026

Rillen, Rundungen und ganz viel Rot

Eigentlich, so die gängige Annahme, blickt man auf Messen voraus und nicht zurück. Welche Trends kommen und gehen, welche Innovationen stehen ins Haus – und was finden wir auch morgen noch schön und praktikabel? Wer zur EuroCucina in Mailand darauf Antworten suchte, wurde nicht immer gleich fündig.

Rund, Rot, Rille: Diesen wunderbaren Dreiklang setzte der italienische Küchenbauer Cesar Cucine in Perfektion um. Foto: Susanne Maerzke

Bordeauxrot in allen Schattierungen – und besonders gern als Naturstein „Rosso Levanto“ – galt als eines der Highlights von Mailand: Hier handwerklich kunstvoll umgesetzt von LEICHT Küchen. Foto: Susanne Maerzke

Stein als Rückwand allein ist edel – aber Stein als hinterleuchtetes Objekt wird zum ausdrucksstarken Statussymbol, hier bei SieMatic. Foto: Susanne Maerzke

Dieser Beitrag ist in KÜCHENPLANER 5/6 2026 erschienen.


Veränderungen entstehen derzeit wohl eher behutsam: Mit bodentiefen Fronten, die die Küche so hochgeschlossen wie elegant wirken lassen. Mit hinterleuchteten Steinrückwänden, die offenen Regalen eine Bühne im Alltag bieten. Mit Einbaugeräten, die sich durch ihr Format – mal oval, mal kantig, oftmals matt – immer besser in den offenen Küchenraum integrieren. „Kleine Produkt-Upgrades für die Küche“, nennt SieMatic-CEO Olaf Hoppe das.
Mailand hat daraus trotzdem ein Spektakel gemacht. Rillen, Rundungen, rote Oberflächen: Klar, alles nicht neu. Aber oftmals frisch interpretiert. Was einerseits zeigt, dass Trends immer auch eine Frage von Enthusiasmus und Inszenierung sind. Und andererseits eine deutlich längere Halbwertszeit haben, als vielerorts bemängelt wird. Wer es also nach wie vor mit der weißen Küche hält, dürfte sich über die vielleicht auffälligste Entwicklung der EuroCucina 2026 freuen: Weiß feiert sein Comeback. So manches Mal sind die Trends von morgen dann also wohl doch eher eine Frage der „Retro-Spektive“…

Runde Küchen
Wir würden Ihnen ja gern etwas anderes erzählen. Aber auch in diesem Jahr steckt die Küchenbranche noch immer inmitten einer ausgeprägten „Kurvendiskussion“: Die runde Küche ist ein Langzeittrend, der beständig ausgebaut wird. So ließen sich nach den Messe-Ausgaben 2022 und 2024 auch auf der diesjährigen EuroCucina wieder sanft gebogene Wangen, Arbeitsflächen, Regale und sogar wellenförmige Korpusse entdecken – bei nahezu allen Herstellern. Boffi, Stosa, César Cucine, Binova und Molteni setzen die spielerischen Rundungen gekonnt in Szene, unter anderem mit feingewalztem Stahl, wertig lackierten Schichtstofffronten und Steinplatten mit kaum erkennbarer Sinuskurve.
Deutsche Produzenten wagen sich dahingehend in Mailand nur bedingt aus der Deckung; einzig Häcker Küchen zeigt ein abgerundetes Modell mit nussbraunen Rillenfronten und eindrucksvollem Steindekor. Nobilia verlagert seine Fertigungstiefe wiederum auf die begehbare Ankleide, in der eine runde Anrichte mit beleuchteten Glasschubkästen und einer Front in Lederoptik von sich reden macht. Und Next125 denkt die runde Küche längst weiter: 2026 verpasst die Designmarke ihrem oft imitierten Ansatztisch eine neue, ikonische Tropfenform – und zwar im farbig glasierten Material „LavaTech“, einer Mischung aus Feinsteinzeug und recyceltem Glas.

Weiße Küchen
Der Wandel ist vollzogen: Hat sich die dunkle Küche in den vergangenen Jahren behutsam wieder in Richtung hellerer Nuancen geöffnet – darunter Creme, Beige, Karamell und Grau – sind die Hersteller nun wieder endgültig bei der weißen Küche angekommen. Das mag für die einen langweilig, für die anderen logisch klingen – schließlich verkauft insbesondere der deutsche Küchenfachhandel die zeitlose und unanstößige Farbe noch immer am meisten. Ob nun die für 2026 vom Pantone Color Institut ausgerufene „Farbe des Jahres“, ein milchiges „Cloud Dancer“, für den regelrechten Ansturm auf Wolke 7 sorgte, oder aber die Strahlkraft weißer Küchen im Kampf gegen die Krise genutzt wird, bleibt ungeklärt.
Im Gegensatz zu früher wirkt die weiße Küche aber weniger steril und kühl, sondern vielmehr kunstvoll kombiniert: Mit hellgesprenkeltem Naturstein, warmem Nuss- und Eichenholz, sanften Rahmenfronten und viel Licht. Und natürlich auch in runder Optik, was dem Ganzen eine zukunftsgerichtete Formation verleiht.

Helles Holz
Die Küchenbranche meidet zunehmend starke Kontraste – sie wirken wie ein Peitschenhieb in einer Zeit, in der sich die Küche doch lieber in harmonische Formen und natürliche Materialien hüllt. So gesehen lässt sich – passend zum Ton-in-Ton-Programm von Lackfront, Griff und Arbeitsplatte – auch die Entwicklung hin zu hellen Hölzern und Holz-Optiken prognostizieren. Eiche ist Trumpf, wobei sich speziell die Italiener nur schwer dazu bekennen können. Zu sehr liegt ihnen das Schwere, Dunkle, Erhabene und gewissermaßen auch Dramatische inne, das mit Nussbaum, Mahagoni und geräucherter Lärche einhergeht. Sei’s drum: Mit der richtigen Lichtinszenierung, ausdrucksstarken Maserungen und dem obligatorischen Rillen-Feinschliff lässt sich auch helles Holz gewinnbringend in Szene setzen.

Bordeaux
Nichts geht 2026 ohne das vollmundige Bordeaux, dessen purpurfarben Rottöne sich auf der EuroCucina 2026 bis in die kleinsten Verästelungen erstreckt haben – und zwar wortwörtlich, wenn man sich im Anblick des „Rosso Levanto“, einem in Italien und der Türkei abgebauten Natursteins mit feinem Aderverlauf, erst einmal verloren hat. Groß gespielt von LEICHT Küchen im Museo Poldi Pezzoli, aber auch bei Boffi, Molteni, Snaidero und Scavolini der tragende Tenor. Cesar Cucine steuert dem rubinroten Ton sogar klanglich passend noch Rille und Rundung bei. Andere Aussteller, darunter Gessi, Cassina und Poliform, veredeln ihre Showrooms mit bordeauxfarbigen Sitzkissen, Polsterbezügen, Wandfarben, Teppichen und sogar Fliesenspiegeln, kurzum: Die Begeisterung ist groß.

Gelb, Braun, Blau
Wie schön ist es doch, dass sich viele Dinge im Rückblick zu etwas Positivem verklären lassen. Anders ließe es sich kaum deuten, dass die jahrelang belächelte 70’s-Farbkombination aus Ockergelb, Himmelblau und Rostbraun plötzlich wieder in Mode ist – oder auch „en vogue“, um in der Tonalität von Paris und Mailand zu bleiben. Dabei werden die Retro-Nuancen nicht etwa dezent im Hintergrund platziert, sondern prägen als Küchenfront, Regalelement oder sogar als farbige Glaskeramik für Backofen und Kochfeld das hippe Küchendesign jenseits der Alpen. Valcucine, Veneta Cucine und Scavolini machen es vor. Pluspunkt: Werden diese Farben mit glänzendem Chrom und Edelstahl kombiniert, kommt durchaus Schwung in die Sache. Da passt es gut, dass sich die Branche ganz langsam wieder von Bronze verabschiedet – und ein frischer Metallic-Look einzieht.

Stein auf Stein
An Stein kann man sich wirklich nie sattsehen. Vor allem dann nicht, wenn er so dermaßen detailverliebt daherkommt wie in Mailand: Mit exzentrischer Marmorierung, präzise geformt, geschliffen und gerundet, in spektakulär gesprenkelter Optik und natürlich in skulpturalem Ausmaß. 2026 wandert der Stein immer öfter an die Wand und dient dort als edle Nischen- und Rückwandverkleidung – oder gleich als hinterleuchtetes Wandpaneel, wie es SieMatic mit einer transluzenten Version des „Taj Mahal“ eindrucksvoll demonstriert. Das kommt vor allem dann gut zur Geltung, wenn die davor ausgestellten Exponate im offenen Regal von größerem Wert sind – und, wie im Fall von SieMatics Kooperationspartner Loewe, mit einem musealen Charakter überzogen werden sollen.

Struktur
Das zarte Gegenteil zu voluminösem Stein, kühlem Metall und glattem Lack? Eine feine Struktur für Fronten und Oberflächen – und zwar nicht nur in Form der omnipräsenten Rille, die mittlerweile längst den Sprung von Sideboard und Schrankwand hin zu Teppich und Vitrine gefunden hat. Leicht, SieMatic, Häcker und Valcucine demonstrieren vielmehr, wie sich Glas – ob nun sandgestrahlt, geätzt, beschichtet oder bedruckt – als Hingucker im Küchenraum etabliert. Die Vielfalt ist enorm: Vom fein gewebten Geflecht über schraffur-ähnliche Oberflächen bis zur Glasfront, die mit Holz- und Stahlintarsien besetzt ist, lässt sich mit dem Material so einiges anstellen. Vor allem aber verleiht es einer Individualität Ausdruck, die im harmonischen Einerlei aus Farbe und Rundung weniger präsent ist – und durch hinterleuchtetes Strukturglas buchstäblich wieder aufleuchtet.

Versteckte Geräte
Wie Sie sehen, sehen Sie…nichts? Stimmt natürlich nicht so ganz: Irgendwo liegt immer noch eine Fernbedienung herum. Nach Gaggenau und Novy tritt nun aber mit V-ZUG ein weiterer Hersteller an, um das Kochfeld – zumindest optisch – abzuschaffen. Gemeinsam mit dem spanischen Hersteller Inalco haben die Schweizer eine Technologie entwickelt, die die Kochzone bis auf eine schmale, umlaufende Fuge fast vollständig in der Arbeitsplattenkeramik aufgehen lässt. Mittels Lichtsteuerung, die jener Fuge unterlegt ist, werden Signale an die Benutzerinnen und Benutzer des Kochfelds abgegeben. Das „CookTop V6000 Integra“ ist vorerst in drei verschiedenen Oberflächenfarben erhältlich und wird, ähnlich wie bei Mitbewerbern, über einen kreisrunden, digitalen Bedienring gesteuert, der sich magnetisch andocken und intuitiv steuern lässt.
Etwas mehr visibel, aber immer noch sehr reduziert gelingt dem Duo Electrolux und Veneta Cucine die Integration von Backöfen und Kochfeldern in Küchenoberflächen. Vier gemeinsam gewählte RAL-Farben, namentlich „Ultra Blu“ (Hellblau), „Verde Salvia“ (Grün), „Alabastro“ (Weiß) und „Nude“ (Beige), sorgen für eine Verschmelzung von Möbel und Geräten. Die Küche 2026: Sie wird heller, leiser und fluider als jemals zuvor.

Susanne Maerzke