22.10.2020

Im allgegenwärtigen Mix&Match geht nicht jede Idee als Trend durch. Doch es gibt unübersehbare Entwicklungen: hin zu noch mehr mobiler Wohnlichkeit. Und wer bislang keinen dunklen Innenkorpus hatte, hat ihn jetzt. Einen höheren Möbelkorpus auch.

Innen immer edler, wie hier im Einschubtürenschrank von pronorm mit einem Innenkorpus in „Stratosgrau“. Foto: Biermann

Nach jeder Küchenmeile stellt sich die Frage zum roten Faden. Dass sich die Küche immer wohnlicher präsentiert, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Wobei nach wie vor zwischen dem Mobiliar für offene Wohnraumplanungen und separaten Küchenräumen unterschieden werden sollte. Denn eine ausdauernd mahnende Binsenweisheit besagt, dass helle Töne kleinen Räume guttun, weil sie optische Weite schaffen. Große Flächen hingegen wirken mit einer Auswahl an gedeckten Tönen elegant und fördern die zeitgemäß beliebten Übergänge. Vor allem wenn sich offene und geschlossene Möbelflächen abwechseln.
Mit ihren Ausstellungen konzentrieren sich die Küchenmöbelhersteller schon seit einiger Zeit bevorzugt auf die großzügige Wohnvariante. Anders ist das viele Schwarz, Grau und Dunkelbraun nicht zu erklären. Das ist grundsätzlich auch sinnvoll, denn die Entwicklung zeigt klar in Richtung der ineinander übergehenden Lebensräume mit Küche, Essen und Wohnen. Selbst in sehr, sehr kleinen Wohnungen, die global betrachtet wie Pilze aus dem Boden schießen sollen. Oder gerade dort, denn auf 30 Tiny-House-Quadratmetern haben Innenwände besser nichts zu suchen. Vom WC mal abgesehen. Und die Ambitionen reichen weiter. Nach dem Hauswirtschaftsraum entdeckt die Küchenmöbelindustrie immer neue Areale: die Speisekammer, die Garderobe, das Bad, das Home-Office. Längst werden die Programme dazu eigenständiger und aktuell mit eigens präparierten Durchgangstüren versehen. Einschubtürenschränke und großformatige Schiebetürsysteme spielen ihre Stärken ebenfalls aus.

Von dunkel bis Pastell
Zu sehen waren zur Küchenmeile 2020 bei den Küchenmöbelherstellern erneut viele matte Oberflächen: in Schwarz, Dunkelgrau, Dunkelbraun, Dunkelgrün und Dunkelblau. Meist unempfindlich gegen Fingerprints, realisiert zum Beispiel mit „PerfectSense“ (Egger) „Xtreme“ (Pfleiderer), „Resopal Pro“ oder „Fenix“. Parallel zum vielen Dunkel bringen Pastelltöne optischen Schwung in die Planungen. Zumal sich diese in feinen Nuancierungen elegant miteinander kombinieren lassen. Oder mit den allgegenwärtigen dunklen, teils sehr markanten Hölzern, die immer noch bevorzugt auf den Nachnamen „Eiche“ hören.

Feines Landhaus
Das altehrwürdige Landhaus lässt die barocke Opulenz vergangener Tage endgültig hinter sich und wechselt zu elegant wirkenden Rahmenfronten. Gefühlt pries jeder einzelne Hersteller eine solche Version als Neuheit für den „Country Style“ an. Was ähnlich für Servierwagen oder andere mobile Ausstattungen gilt.

Premium wird Standard
Hinter den Fronten geht es mit dunklen Innenansichten immer edler zu. Das Thema Nachhaltigkeit wird an manchen Stellen mit Innenausstattungssystemen auf Hanfbasis gespielt. Und wer kann, wertet seine Möbel mit Auszugsystemen auf, die bislang eher dem Premium vorbehalten waren. Wie zum Beispiel Ballerina-Küchen mit der kompletten Umstellung auf die „Legrabox“ von Blum.
Apropos Umstellung. Eine zusätzliche Korpushöhe oder eine Rastermaßergänzung ist als Neuheit schnell formuliert, die technische Umsetzung kann die Fertigungsleiter der Hersteller jedoch ins Schwitzen bringen. Allen voran bei nobilia. Der Marktführer ist im letzten Jahr den ersten, noch kleineren Schritt Richtung Rasterplanung gegangen unde ließ nun einen weiteren sehr großen folgen. Im nächsten Jahr soll der Prozess abgeschlossen sein. Bei 80.000 Musterküchen im Markt versteht es sich, dass eine solche Umstellung nicht in einem „Big Bang“ erfolgen kann, sondern besser wohldosiert.

Der Spülplatz als Einheit
Die Küche ist natürlich nicht nur Holz. Im großen Drumherum lässt die neue Blanco-Strategie der „Units“ aufblicken. Dahinter verbirgt sich ein Konzept, das den Spülplatz technisch und vertrieblich als Einheit zusammenfasst mit einer einzigen Bestellnummer für Spüle, Armatur und Abfalltrennsystem. Oder ganz ausdrücklich: für das Wassersystem. Denn gefiltertes, gesprudeltes, gekühltes oder kochend heißes Wasser direkt aus dem Hahn, wird immer mehr zur Ausstattungsoption der hochwertig geplanten Küche. Kein Wunder: Der individuelle Kundennutzen dieser Systeme ist sehr konkret und lässt sich prima kommunizieren.

Konsequent nachhaltig
Über einzelne Produktneuheiten hinaus stechen aktuell auch die Strategien von Schock und Grohe hervor. Schock will sich mit einem sehr konsequenten Anspruch an Nachhaltigkeit in Teilen neu erfinden, und Grohe will seinen Erfolg im Bad in die Küche transferieren – und zur Nr. 2 in der Vertriebsregion DACH aufsteigen. Über beide Unternehmenspläne berichten wir in der Ausgabe KÜCHENPLANER 10/11 2020 ausführlich. Das gedruckte Heft erscheint Ende Oktober, das E-Paper einige Tage zuvor.

Der Handel schimpft
Keinen einfachen Herbst hat die Hausgeräteindustrie. Einerseits schießt die Nachfrage seit einigen Wochen (wie in allen Küchenbereichen) in den Himmel und die Werke kommen kaum nach mit der Produktion, anderseits wird im Handel viel geschimpft, weil Lieferzeiten immer wieder verschoben werden und deshalb Kommissionen bei Kunden nicht abgeschlossen werden können. Entgegen der abgestimmten Zeitpläne. Besonders bei Geschirrspülern sei die Verknappung spürbar. Eine große Welle des Ärgers schwappt da gerade durch den Markt. Dabei wird der Industrie oft vorgehalten, diese Situation mit ihrer auf die Spitze getriebenen „Just-in-time“-Mentalität selbst mitverursacht zu haben. Und weil immer mehr Komponenten aus Kostengründen nur noch in Asien eingekauft werden. Was die Corona-Pandemie mit den internationalen Lieferketten veranstaltet hat, ist bekannt. Und etliche Hersteller haben angesichts des aktuellen Nachfragehochs tatsächlich sehr konkrete Probleme mit der Verfügbarkeit.

Schmale Spüler, große Kühler
In Sachen Neuheiten ist der Fokus auf neue Geschirrspüler-Modelle einer der Schwerpunkte, gern auch in schmalen 45 cm. Dafür werden die Kühlgeräte wiederum größer, weil die Menschen wegen Corona seltener, dafür aber umfangreicher einkaufen. Liebherr hat sogar sein gesamtes Sortiment runderneuert und präsentiert 101 neue Einbau-Geräte in vier neu definierten Werteklassen. Luxus pur gibt es mit der „Monolith“-Serie ebenfalls. Und die geht nach langer Zeit der Ankündigung nun in den Verkauf. Auch V-ZUG setzt aufs High-End-Kühlen unter der Bezeichnung „Supreme“.

KI kommt voran
Künstliche Intelligenz in der Küche – auch das wird immer realistischer. So stellte Miele eine Technologie vor, bei der der Backofen über die eingebaute Kamera selbstständig erkennt, welche Art Lebensmittel zubereitet werden soll und wählt – nach Zustimmung durch den menschlichen Nutzer – die beste Zubereitungsart aus und setzt das um. Kleiner Wermutstropfen für die Technologie-Trendsetter in Deutschland: Wann Öfen mit dieser Funktion hierzulande zu bekommen sind, steht noch nicht fest. Zum Auftakt wird die Technologie Anfang 2021 in Dänemark eingeführt. Weil die Dänen allem Digitalen besonders aufgeschlossen sein sollen.
Doch nicht nur Miele bewegt sich schon sehr konkret auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Grundlegend damit vertraut sind auch die Geräte der „Serie 4“ von Haier. Der Hausgerätekonzern aus China stellte im Rahmen der abgespeckten IFA erstmals seine Einbau-Ideen für Europa vor. Und die lassen aufhorchen. Im 1. Quartal 2021 sollen die Geräte der Serie nach und nach eingeführt werden.

Die Küche im Höhenflug
Wie hat sich die Einstellung der Deutschen zu Küche, Haushalt und Hausgeräten seit Corona verändert? Dieser Frage ging das Zukunftsinstitut im Auftrag von Siemens Hausgeräte nach. Über die Ergebnisse des Trendreports berichten wir ebenfalls in der kommenden KÜCHENPLANER-Ausgabe (Seite 94/95). Eine Erkenntnis vorab: Demnach ist selbst kochen für 62% der Befragten wichtiger geworden, und unter den trendbewussten Städtern sind Küche und Wohlbefinden eng verknüpft: 55% der Befragten verbindet eine hochwertige Küche mit einem guten Lebensgefühl. Ebenso steigt das Verlangen nach Design und intelligenten Lösungen. Daraus resultiert eine deutlich gestiegene Investitionsbereitschaft: 20% der Gesamtbevölkerung wollen trotz – oder gerade wegen Corona – in absehbarer Zukunft in ihre Küche investieren, in Städten sind es sogar 30%.

Dirk Biermann