Am Bedarf vorbei

Regelmäßig erklärt uns jemand, wie die Generation Z kauft. Dann folgt eine Studie über Best Ager, danach Antworten zur Frage, was Millennials von ihrer Küche erwarten. Die Ergebnisse sind in ihrer Grundtendenz meist gar nicht so falsch. Jüngere Menschen leben häufig auf kleinerem Raum, entdecken Produkte auf Social Media und reagieren stärker auf Innovation. Ältere schätzen Komfort, Ergonomie und verlässliche Beratung. Das ist alles richtig. Das ist alles gut belegt. Und in der Beratungsrealität eines Küchenstudios manchmal von erstaunlich geringem Nutzen.
Auf wackeligen Beinen
Denn woran liegt es, dass trotz allem das passiert, was die Stiftung Warentest einmal dokumentiert hat? 13 von 15 getesteten Beratungsgesprächen führten zu nahezu identischen Planungen. Die Kundschaft war sehr verschieden. Nur die Küchen waren es nicht.
Der Blick in die Daten führt zum Statistischen Bundesamt. Das hat 2024 erhoben, dass Menschen ab 65 Jahren im Schnitt 68,5 Quadratmeter Wohnfläche pro Person zur Verfügung haben, 25- bis 44-Jährige dagegen nur 44,7 Quadratmeter. Die naheliegende Ableitung: Die Älteren planen großzügig, die Jüngeren kompakt. Doch dieses Fazit steht auf wackeligen Beinen. Denn die zur Verfügung stehende Wohnfläche in Deutschland hängt stärker mit Stadtlage, Haushaltsgröße und Einkommenssituation zusammen als mit dem Geburtsjahr. Ein 52-jähriger Single in einer Münchner Altbauwohnung plant ebenso kompakt wie ein junges Pärchen in Hamburg. Und der 68-Jährige, der nach dem Auszug der Kinder in eine kleinere Wohnung gezogen ist, plant in anderen Dimensionen als zuvor. In eher ländlichen und damit meist günstigen Wohnregionen darf es auch schon mal ein Schrank mehr sein. Die Fläche ist vorhanden. Mit Jung und Alt hat das wenig zu tun.
Ähnliches gilt beim Thema Digitales. 60 Prozent der 16- bis 29-Jährigen nutzen Smart-Home-Anwendungen, bei den über 65-Jährigen sind es 20 Prozent (Quelle: Bitkom). Soweit die Generationenlogik. Aber: 73 Prozent der 55- bis 74-Jährigen haben 2024 online eingekauft. Deutlich mehr, als das Bild „alt gleich analog“ erwarten ließe. Wer den Blick für die Realität öffnet und trotzdem beim einfachen Generationenraster bleibt, denkt in verstaubten Schubladen.
Im Studio sitzen Menschen mit Bedarf
Wobei das Problem nicht die Forschung ist. Studien liefern Tendenzen, und für Kommunikationsstrategie und Produktentwicklung sind sie ein brauchbares Instrument. Als Beratungsgrundlage im direkten Kundengespräch taugen sie hingegen wenig. Dort sitzen keine Generationen. Dort sitzen Menschen mit einem Bedarf. Mit einer spezifischen Wohnsituation, einem konkreten Budget und einer Lebenssituation, die keine Statistik vollständig beschreibt. Das Geburtsjahr sagt wenig darüber aus, ob jemand täglich für vier kocht oder nur am Wochenende, ob der Auszug des letzten Kindes gerade die Küche neu definiert hat oder ob das erste gemeinsame Zuhause nach Jahren endlich das lang gehegte Küchenprojekt sein soll. Das sind Lebensphasenthemen. Und manchmal handelt es sich schlicht um persönliche Dinge, die in keinem Trendreport auftauchen.
Die EuroCucina in Mailand hat in diesem Frühjahr ein Beispiel geliefert, das zeigt, wie anders sich das denken lässt. Miele präsentierte dort eine mit Hettich realisierte Konzeptstudie für verdichtetes urbanes Wohnen: ein multifunktionales System, das sich dem Tag anpasst, morgens Arbeitsplatz, mittags Kochfläche, abends Treffpunkt. Die Präsentation verliert kein Wort über Generationen und Lebensalter. Das System richtet sich an Nutzungsszenarien und an den Tag mit seinen wechselnden Anforderungen.
Wer täglich Beratungsgespräche führt, wird zustimmen: Die Kategorien aus einem Trendreport helfen selten dabei, den Menschen auf der anderen Seite des Tisches wirklich zu verstehen. Was hilft, sind die richtigen Fragen, die den Bedarf freilegen, bevor das Planungsprogramm angeworfen wird. Den Blick in den Personalausweis sollte man sich im Küchenplanungsgespräch jedenfalls besser sparen.
Dirk Biermann
Dieser Beitrag ist als Editorial der Ausgabe KÜCHENPLANER 5/6 2026 erschienen.