Alles außer Polster

Dirk Biermann, Chefredakteur KÜCHENPLANER.
Wir haben die Küchenindustrie befragt und wollten wissen: Ist „Mehr als Küche“ immer noch eine Idee oder längst Strategie? Oder anders gefragt: Wer macht eigentlich was, damit der Handel die notwendigen Waren an die Hand bekommt, um zusätzliche Umsatzquellen zu erschließen? Das Ergebnis ist eindeutig: Die Küchenmöbelhersteller sind durch die Bank vorbereitet. In unterschiedlichen Intensitäten bieten sie zahlreiche Möglichkeiten, den Hauswirtschaftsraum, den Essbereich, das Wohnen, das Bad, das Ankleidezimmer und die Garderobe auszustatten. Selbst im Schlafzimmer sind Spuren von Küche möglich. Dabei kommt der Industrie die DIN-genormte Maßlogik der Küchenfertigung entgegen. Sie lässt sich vielfältig anpassen. Einer Spanplatte ist es schließlich egal, ob sie ein Küchenkorpus, ein Garderobenschrank oder ein Sideboard wird. Hier ein exklusiver Möbelfuß, dort eine eingefräste LED-Leuchte und fertig ist die Komplettausstattung fürs ganze Zuhause. Mit der Küchenindustrie als Komplettausstatter. Jedenfalls alles außer Polster. Der Ball liegt also beim Handel.
Wenn es doch nur so einfach wäre. Denn die „Mehr als Küche"-Realität unterscheidet sich zwischen Industrie und Handel erheblich. Und innerhalb der Handelsformen noch einmal. Das beginnt schon bei der Namensgebung. Zu Küchen Meyer oder Küchen Müller gehen die Kunden, weil sie eine Küche suchen, und nicht, weil sie auf Ideen für das Bad, die Ankleide oder die Garderobe aus sind. Bei den klassischen Küchenspezialisten werden sich Zusatzgeschäfte allenfalls aus dem Küchenplanungskontakt ergeben. Bei Neubauplanungen vielleicht sofort, bei Bestandsmodernisierungen eher mit etwas Verzögerung. So ein erweitertes Angebot muss sich erst einmal in den Köpfen verankern und herumsprechen, bevor es zur Handlungsoption wird. Das Argument der durchgehenden Einrichtungslinie hat in den persönlichen Beratungsgesprächen dennoch Potenzial. Auch wenn große Stückzahlen bei den Spezialisten nicht zu erwarten sind. Entscheidend sind hier die Motivation der Inhaber, das Sortimentswissen der Planungsfachleute und die Bereitschaft, einen Teil der Ausstellung mit diesen Themen zu belegen. „Mehr als Küche" muss man wollen.
Auf der Großfläche sieht das Bild anders aus. Dort sind umfangreichere Stückzahlen eher möglich. Allerdings fehlt es an räumlicher Verbindung. Die Küchenabteilung residiert neben den Couch-Garnituren im ersten Stock, das Wohnen eine Etage höher und das Bad wird gleich am Eingang in Szene gesetzt, weil dort das Accessoires-Mitnahmegeschäft am besten funktioniert. In einem der Möbelpaläste wird man eher im Sonderpostenmarkt zwischen Topf-Sets und Frotteewaren verloren gehen, als einen gut ausgestatteten Hauswirtschaftsraum zu Gesicht zu bekommen. Ganzheitliche „Appartement-Darstellungen", die der „Wir wollen nur mal gucken"-Kundschaft neue Wege für das Zuhause vermitteln, sucht man in einem durchschnittlichen Einrichtungshaus außerhalb von Ikea immer noch vergeblich. Und die Verkäufer kennen ohnehin meist nur ihr eigenes Sortiment.
Und noch eine Frage begleitet die Bestandsaufnahme, die wir in dieser KÜCHENPLANER-Ausgabe vollziehen. Wie hoch ist der Anteil der „Mehr als Küche"-Kommissionen aktuell überhaupt? In der Menge, im Umsatz? Niemand gibt eine offizielle, zitierfähige Antwort darauf. Angeblich sollen branchenweit um die sechs, vielleicht sieben Prozent der von der Holzwerkstoffindustrie gelieferten Materialien in Umsätze fließen, die nichts mit dem Küchenkerngeschäft zu tun haben. Mit einer deutlichen firmenindividuellen Spreizung zwischen homöopathisch und zweistellig. Die Gesamtaussage lässt sich frei interpretieren. Ich tendiere zu: immerhin!
Dirk Biermann