22.09.2016

Von der ungeliebten Sparte eines Konzerns zum Familienunternehmen, das von den Inhabern mit Herzblut gestaltet wird – die Story „systemceram“ zählt sicher zu den beeindruckenden Branchengeschichten der jüngeren Zeit. Nun kündigen sich Veränderungen an, denn die bisherigen Lotsen Gerhard Göbel und Manfred Engel ziehen sich schrittweise zurück. Die Nachfolge wurde aber frühzeitig geregelt.

Gründer und Nachfolger: Gerhard Göbel (Foto links) und Manfred Engel (rechts) haben die ersten gesellschaftsrechtlichen Schritte in die Wege geleitet, um das Unternehmen systemceram an ihre Söhne Felix Engel (2. von links) und Kevin Göbel (2. von rechts) zu übergeben. Fotos: Biermann

Anfang der 1980er-Jahre nutzte Gerätehersteller imperial Feinsteinzeug von systemceram, um den neu eingeführten Glaskeramikkochfeldern einen adäquaten Rahmen zu geben.

Feinsteinzeug aus dem Westerwald, hier als Küchenspülen der Reihe „Mera“.

Im Jahr 2012 investierte systemceram rund 15 Mio. Euro in eine neue 6000 m2 große Fertigungshalle und Produktionsanlagen nach neuesten Vorgaben des Energie-Effizienzprogrammes. Zentraler Bestandteil ist der 90 Meter lange Tunnelofen (Foto) mit automatischer Beladung.

Nach dem automatischen Produktionsprozess folgt der Feinschliff per Hand.

Küche, Labor und Bad (Foto) sind die drei Geschäftsfelder von systemceram. Im Badbereich arbeitet das Unternehmen mit Ausstattern wie Keuco und Burgbad zusammen.

systemceram bleibt ein inhabergeführtes Unternehmen. Denn nach der Ära Göbel/Engel ist vor der Ära Göbel/Engel. Mit Kevin Göbel und Felix Engel sind die Söhne der geschäftsführenden Gesellschafter schon seit einigen Jahren in das Unternehmen integriert und übernehmen schrittweise mehr Verantwortung. Insbesondere eigneten sie sich die Detailkenntnisse des Geschäfts mit Keramikprodukten für Küche, Bad und Labor von der Pike auf an. Und das ist wörtlich zu verstehen. Kevin Göbel zum Beispiel, jetzt 36 Jahre alt, ist gelernter Energieelektroniker und hat parallel zum anschließenden Studium an der Hochschule Koblenz für Glas und Keramik in Höhr-Grenzhausen immer wieder im elterlichen Unternehmen gejobbt. So lernte er die Grundlagen der Produktion kennen: am Ofen, am Glasur-Roboter, in der manuellen Fertigung und auch im Lager. „Ich habe überall einmal praktisch Hand angelegt“, sagt er. 2007 folgte der Einstieg in Vollzeit. Erst als Assistent der Produktionsleitung, später in der Auftragsabwicklung Küche. Seit 2012 leitet Kevin Göbel das elf Mitarbeiter zählende Innendienst-Team von systemceram.
Ähnlich vielschichtig und praxisorientiert verlief die Lehrzeit von Felix Engel. Nach der Ausbildung bei systemceram zum Industriekaufmann zog es den heute 28-Jährigen zum Studium der Betriebswirtschaftslehre nach Köln und später für ein international geprägtes Aufbaustudium nach London. Zwischendurch immer wieder kombiniert mit praktischen Phasen in Siershahn. Felix Engel spricht fließend Englisch und Französisch. Davon profitiert er in seiner aktuellen Position in der Export­abteilung mit Verantwortung für alle Märkte außer den deutschsprachigen. Der Export wird auch in Zukunft der Kompetenzbereich von Felix Engel sein. Mittelfristig soll er außerdem die kaufmännische Leitung der Firma übernehmen. Kevin Göbel wird, so ist der Plan, den Inlandsvertrieb aller Produktgruppen und die Personalangelegenheiten managen. Hinzu kommt der Bereich Produktion auf Ebene der Geschäftsleitung. Die praktische Umsetzung der Technik im Tagesgeschäft verantwortet weiterhin der Betriebsleiter Sven ­Rasbach.

Eingespieltes Team
Die Junior-Chefs wachsen also bereits seit einiger Zeit in ihre neuen Verantwortungsgebiete hinein. Dabei können sie auf ein intaktes und eingespieltes Team bauen. Allen voran Betriebsleiter Sven ­Rasbach sowie die beiden Verkaufsleiter Christoph Erll und Peter Laub.
Aber noch sind Gerhard Göbel und Manfred Engel mit von der Partie. Wenngleich sich Veränderungen konkret abzeichnen. So wird Manfred Engel Ende 2016 die operative Verantwortung abgeben. Er ist dann 68 Jahre alt und blickt auf ein reich gefülltes Berufsleben zurück. „54 Jahre und neun Monate“, sagt er scheinbar nüchtern. 46 Jahre davon hat er sich mit Keramik beschäftigt, erst bei der Gießkeramiksparte der KCH Keramchemie und anschließend in der eigenen Firma. Ganz aus dem Unternehmen zurückziehen wird er sich mit dem Jahreswechsel 2016/2017 aber nicht, sondern als Berater weiter zur Verfügung stehen. Und er wird die Stühle für den geplanten Unternehmensbeirat anwärmen. Den zweiten Platz neben ihm wird – wie soll es anders sein – Gerhard Göbel einnehmen. Voraussichtlich 2018, dann hat auch er die 68 Lebensjahre erreicht und die Söhne sollen die Geschäftsführung komplett übernehmen. „Aber bis dahin werde ich den Übergang mitgestalten“, betont er. In der Rolle als Beirat wollen Manfred Engel und Gerhard Göbel ihren Söhnen bei wichtigen Entscheidungen beratend zur Seite stehen, das Tagesgeschäft aber den beiden sowie den leitenden Angestellten überlassen.

Anteile übergeben
Dass dieser Wechsel stattfindet, wurde Ende Juni 2016 auch rechtlich in die Wege geleitet. Felix Engel und Kevin Göbel sind nun Gesellschafter und wurden zu Prokuristen ernannt. „Wir haben einen Großteil unserer Gesellschafteranteile auf unsere Familien verteilt“, berichtet Gerhard Göbel vom Termin beim Notar. Er selbst hat zwei Söhne, Compagnon ­Manfred Engel drei Kinder. Dabei fungieren ­Kevin Göbel und Felix Engel jeweils als Leiter eines Familienpools, in dem die Anteile verwaltet werden. Alle anderen Geschwister sind stille Teilhaber. Auch dies soll gewährleisten, dass beim Unternehmen systemceram alles stabil bleibt und es – wie aus Siershahn gewohnt – mit Kontinuität und Bodenständigkeit weitergeht.

Spannende Geschichte
Wobei Kontinuität sicher nur ein Aspekt ist, der das Unternehmen treffend beschreibt. Denn neben einem aus Überzeugung gelebten partnerschaftlichen und bewusst bodenständigen Verhältnis zu den Kunden, prägen Mut und Abenteuergeist die vergleichsweise junge Historie der am 1. Januar 2000 gegründeten Firma. Keimzelle des Unternehmens systemceram ist die im Jahr 1928 gegründete Gießkeramiksparte der KCH Keramchemie – ein Spezialist für Laborkeramik aus Feinsteinzeug. Der Standort war schon immer Siershahn im Wes­terwald. Der Vertriebsmann Manfred Engel kam 1970 zu KCH, vier Jahre später unterschrieb ­Gerhard Göbel seinen Arbeitsvertrag als Controller. 1990 folgte die Beförderung Göbels zum Spartenleiter und Prokurist.
Im Konzernverbund der KCH Keramchemie war die Gießkeramiksparte stets ein ungeliebtes Kind, berichten Göbel und Engel. Auch bei der KCH-Mutter Goldschmidt in Essen, eine der Vorgängergesellschaften des heutigen Evonik-Konzerns, fremdelten die Verantwortlichen mit diesem Geschäftsfeld. Anlagenbau, Kunststofftechnik und Korrosionsschutz wurden bevorzugt. Diese Situation war für die Keramik-Verantwortlichen nicht glücklich, hatte aber gewisse Vorzüge. „Wir konnten all die Jahre selbstständig agieren“, berichtet Gerhard Göbel von den Vorteilen der langen Leine, die so lange locker blieb, wie am Jahresende ein Gewinn stand. Und das war stets der Fall. Die Einstellung der Eigentümer zur Gießkeramiksparte grenzte an Desinteresse. So wurden keine Investitionen über 3,5 Mio. Mark bewilligt. Als einmal ein 20-Mio.-Mark-Invest im Raum stand, musste das Gesamtvorhaben in viele Einzelmaßnahmen unterhalb der 3,5-Mio.-Genze gesplittet werden.

Einstieg ins Küchengeschäft
1979 entschied die KCH-Konzernleitung: Ab sofort wollen wir nicht mehr allein Becken und Platten für Laboranwendungen produzieren und vertreiben, sondern entsprechende Produkte auch für die Küche. Vertriebsleiter Manfred ­Engel und sein Team suchten Kontakte zur Küchenmöbelindustrie und wurden bei allmilmö mit offenen Armen empfangen. Der damalige Designer Klaus Göcke suchte für das allmilmö-Fliesenprogramm passende Keramikmodule in 60 cm Breite. Engel konnte liefern.
Auch Heinz Holste, Geschäftsführer des zu dieser Zeit noch eigenständigen Geräteherstellers imperial mit Sitz in Bünde, wurde auf die Keramik aus Siershahn aufmerksam. Holste suchte ein adäquates Umfeld für seine neuen Glaskeramikkochfelder, die er gerade aus den USA mitgebracht hatte. Damals hatte der Elektrogerätehersteller imperial auch Spülen und Armaturen im Programm. Erst nach einem Geschäftsführerwechsel Ende 1983 wurde dieses Geschäftsfeld aufgegeben. Für Manfred Engel war der Strategiewechsel bei imperial der Beginn für Kontakte mit dem Küchenfachhandel, denn die Handelsvertreter der Elektromarke hatten nun auch die Keramikspülen aus dem Wes­terwald im Koffer.

Von Feuerton zu Feinsteinzeug
In höherwertigen Küchen sei Keramik schon Mitte der 1980er-Jahre etabliert gewesen, erinnert Manfred Engel. Besonders, wenn eine farbige Spüle gewünscht war. Die Alternative Emaille hatte den Nachteil der vergleichsweise empfindlichen Oberfläche. Kaum eine Emaille-Spüle, die den harten Küchenalltag ohne Abplatzungen überstand. „Andererseits war Keramik eher wulstig in der Gestaltung“, räumt Engel ein. „Damit konnte nicht jeder etwas anfangen.“
Das sollte sich 1982 ändern. Und zwar mit dem Materialwechsel von Feuerton auf Feinsteinzeug – also dem Material, das im Unternehmen bereits von Beginn an für die Laboranwendungen genutzt wurde. Das besonders dichte und damit robuste Feinsteinzeug lässt sich im Vergleich zur Basis-Keramik mit engeren Radien und dünneren Rändern gestalten. Das kommt dem Designanspruch moderner Küchen entgegen. Allerdings ist der Preis von Feinsteinzug höher. Der resultiert aus dem aufwendigen Produktionsprozess. So verbringt eine Spüle aus Feinsteinzeug rund 20 Stunden im Ofen. „Dafür reduziert sich die Wasseraufnahme von Feinsteinzeug auf kleiner drei Prozent“, schwärmt Gerhard Göbel von den Vorteilen des Feinsteinzeugs. Bei Produkten aus reinem Feuerton betrage der Anteil neun bis elf Prozent.

Immer wieder im Verkaufsregal
Den ersten Versuch, die Gießkeramik-Sparte zu verkaufen, startete KCH bereits Mitte der 1980er-Jahre. „Wir hätten schon damals die Technik und die Immobilien für 3 Mio. Mark kaufen können“, berichtet Gerhard Göbel. Und er fährt fort: „Aber wir waren zu jung dafür.“ Er selbst war gerade 35, ­Manfred ­Engel 37. Einige Jahre danach wurde es dann konkreter. Wenngleich zu anderen Preisen und unter ganz besonderen Begleiterscheinungen.
Als die KCH-Mutter Gold­schmidt 1997 vom bayerischen Energieunternehmen Viag übernommen wurde, stand die Abteilung Gießkeramik erneut zur Disposition. Diesmal machten Gerhard ­Göbel als Prokurist und Spartenleiter, Vertriebsleiter Manfred Engel und Betriebsleiter Peter Noll Nägel mit Köpfen und erwarben den Geschäftsbereich. Inklusive Immobilien lag das Investitionsvolumen umgerechnet bei 12,5 Mio. Euro. „Allzu groß erschien uns das Risiko dennoch nicht“, berichtet der für Finanzen zuständige Gerhard ­Göbel. „Wir kannten die Zahlen, den Zustand der Firma, die Kunden, die Lieferanten und führten die Unternehmenssparte schon seit Jahren weitestgehend selbstständig.“

Pikante Betriebsführungen
Eine Idee beim Schoppen Wein auszuspinnen ist eine Sache, sie umgesetzt zu bekommen, eine ganz andere. Das erfuhren auch die potenziellen Neu-Unternehmer. Obwohl die Rahmenbedingungen top waren, ließ sich eine Finanzierung erst per Landesbürgschaft realisieren, und auch die Konzernleitung der KCH Keramchemie erwies sich im Verkaufsprozess als wenig kooperativ. „Das grenzte sogar an Neid, dass wir etwas Besonderes auf die Beine stellen könnten“, berichtet Gerhard Göbel. Ein pikantes Detail dabei: Nachdem die KCH-Geschäftsleitung durch die Offerte ihrer leitenden Mitarbeiter Geschmack an der Verkaufsidee gewonnen hatte, sollte der Betrieb an den Meistbietenden veräußert werden. So kamen Gerhard ­Göbel, Manfred Engel und Peter Noll in die Lage, direkte Konkurrenten aus der Branche durch den Betrieb führen und die Zahlen erläutern zu müssen. Wenn die beiden geschäftsführenden Gesellschafter heute von „zähen Verhandlungen mit dem KCH-Vorstand“, sprechen, dürfte dies eine ausgesprochen harmonische Beschreibung für einen kräftezehrenden Prozess gewesen sein.

Bewusstes Zeichen gesetzt
Mit dem sogenannten Management-buy-out waren Göbel, Engel und Noll über Nacht Unternehmer, hatten einen Berg Schulden und die Verantwortung für 110 Mitarbeiter. Was sich in dieser Phase verändert habe? „Nichts“, sagen Engel und Göbel mit einer Stimme. Und es klingt überzeugend. Es sei ihnen besonders wichtig gewesen, dass alles wie gewohnt weiterläuft. Und dass niemand von den Mitarbeitern oder den Kunden auf die Idee kommen könnte: Jetzt flippen die aus. „Wir sind auf dem Boden geblieben und haben bewusst ein Zeichen damit gesetzt“, betont Gerhard Göbel.
In den folgenden Jahren ist das Unternehmen systemceram mit dieser Philosophie offensichtlich gut gefahren. Der Umsatz stieg von 11,8 Mio. Euro im Jahr 2000 auf 31,7 Mio. Euro in 2015. 2016 werden die Erlöse wohl an 33 Mio. Euro herankommen. Und das erwirtschaftet von 217 Mitarbeitern in den Geschäftsbereichen Küche (Umsatzanteil ca. 60%), Labor (ca. 35%) und Bad (ca. 5%).
Seit 2010 nicht mehr mit dabei ist Peter Noll. Aus persönlichen Gründen verkaufte der Gründungsgesellschafter 2010 seine Gesellschafteranteile an seine beiden Geschäftspartner und stieg aus dem Unternehmen aus. Über Nolls Beratungsfirma bestehen aber immer noch Kontakte.

Wegweisende Investition
Die berufliche Neuorientierung Nolls steht auch im Zusammenhang mit einer wegweisenden Entscheidung, die sich bereits seit 2005 ankündigte und kurz nach dem 10. Geburtstag des Unternehmens im Jahr 2010 konkret wurde. Den Verantwortlichen war klar: systemceram musste in die Technik und den Kapazitätsausbau investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben und den Standort Siershahn zu sichern. Es wurde geplant, verworfen und ganz genau gerechnet. Letztlich summierte sich der Finanzbedarf für Gebäude und Anlagen auf rund 15 Mio. Euro: Im Kern eine komplett neue Produktion mit vollautomatischem Tunnelofen und ein modernes Energiemanagement. 2012 erfolgte die feierliche Zündung des neuen Ofens. „Das war ein Meilenstein unserer Geschichte“, sagen die Geschäftsführer. Dank dieser Investition konnte die damalige Kapazität sogar fast verdoppelt werden. „Wir sind allerdings nur an gesundem Wachstum interessiert“, heißt es im selben Atemzug.
Zwei weitere Meilensteine der systemceram-Geschichte fanden bereits vor 2012 statt: Die Entscheidung für einen festangestellten Außendienst sowie die Umstellung auf ein neues Spülendesign mit deutlich flacheren Rändern und engen Radien. „Hätten wir diese Umstellung nicht gewagt, wäre es schwierig für uns gewesen, weiter zu bestehen“, sind sich Manfred Engel und Gerhard Göbel heute bewusst. Die Entscheidung für das neue Spülendesign basierte auf intensiver Marktbeobachtung und sei eine Folge der engen Zusammenarbeit mit den Kunden und den Küchenmöbelherstellern. „Das Holz gibt das Design vor, die Spüle muss dazu passen“, lautet die Überzeugung in Siershahn.

Triebfedern statt Verwalter
Entscheidungen wie diese zu treffen, ist bei systemceram bald die Aufgabe der Unternehmensnachfolger Felix Engel und Kevin Göbel. Beide haben angemessenen Respekt vor der Aufgabe, sind aber nicht bange. „Wir haben ein tolles Team auf das wir bauen können“, wissen die beiden, und wie ihre Väter verstehen sie ihre Inhaber-Rolle darin, „Triebfedern für das Unternehmen zu sein – aber keine Verwalter.“ Dabei führen Sie das zur Firmenphilosophie gewordene Selbstverständnis ihrer Väter fort: Den Sinn für Bodenständigkeit und die familiär geprägte Atmosphäre im Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden. Da passt es ins Bild, dass Kevin Göbel dreifacher Familienvater ist. Auch bei Felix Engel und seiner Ehefrau hat sich Nachwuchs angekündigt. Im September, kurz vor der Küchenmeile. Wenn das mal kein Zeichen ist.

www.systemceram.de

Dirk Biermann