23.09.2016

Die zerlegte Küche ist Geschichte — zumindest bei artego. Mit einer ordentlichen Portion Mut und einer gesunden Bereitschaft zum Risiko hat sich das Bad Oeynhauser Unternehmen komplett gewandelt.

„Unser Weg hat sich gelohnt. Es war spannend und hat unglaublichen Spaß gemacht, das Unternehmen umzustrukturieren.“ Markus Hillebrand Verkaufsleiter und Prokurist Artego Küchen (hier in der Q2-Küche „Prisma pro“ in Onyxgrau). Foto: Plaßhenrich

Hochglanz, weiß, grifflos: „Tarlight PG“ aus dem aktuellen Q3-Sortiment. Foto: artego

Seidengrau trifft Indigoblau – mit einer Arbeitsfläche in „Cascina Pinie“. Das Modell „Eco PF 2“ stammt aus der ­Linie „Q2“, bei artego die „anspruchsvolle Systemküche“. Foto: artego

2011 stellte artego seinen Plan vor, die Produktion von zerlegten Küchen auf Einbauküchen umzustellen. „Da wurden wir von vielen noch belächelt“, sagt Vertriebsleiter und Prokurist Markus Hillebrand. Die Kritiker fragten, welche Geige das kleine Unternehmen mit seinen 120 Mitarbeitern im Konzert der Großen spielen wolle. Viele haben keinen Platz für artego im Markt gesehen. Fünf Jahre später hat der Küchenmöbelhersteller diesen aber sehr wohl gefunden.
Dabei gab es gravierende Gründe für die Umstrukturierung. Allen voran die dramatischen Marktveränderungen. „Wir haben für uns in dem Geschäftsmodell mit Flatpacks keine Zukunft gesehen“, erklärt der Vertriebsleiter. Damals sei das Geschäft mit zerlegten Küchen nahezu zum Erliegen gekommen. Standardisierte Blockware hielt Einzug in den Discount-Möbelhäusern. Zudem war sich der Kreis der Gesellschafter einig, das Geschäft mit Flatpacks nicht mehr weiterentwickeln zu wollen.
Der Umbau erfolgte konsequent und radikal. Die Gesellschafterstruktur wurde verändert, der Name artego Küchen GmbH & Co. KG löste die KM Möbel AG ab. Es wurde investiert. Aus eigenem Kapital – darauf legt Markus Hillebrand Wert. Knappe fünf Millionen Euro. Der Großteil floss in die Produktion. Die wurde im laufenden Betrieb umgestellt und modernisiert. Der Automatisierungsgrad hat sich seitdem enorm erhöht und keine der Anlagen ist älter als drei Jahre. „Ich kenne kein Unternehmen, das einen vergleichbaren Weg gegangen ist“, so der Prokurist.

Partner sind überzeugt
Zwei Jahre fuhr das Unternehmen zweigleisig. Dann, 2013, gab der Küchenmöbelhersteller die Herstellung von Flatpacks, also dem ursprünglichen Geschäftsmodell, endgültig auf. Seitdem fokussiert sich artego strategisch nur noch auf Einbauküchen. Der Umbruch wurde auch geschafft, weil die Kompetenz für Einbauküchen und das technische Know-how in dem Unternehmen vorhanden war. Beides habe nur ein paar Jahre geschlummert, sagt Hillebrand. Die Partner und Händler nahm das Unternehmen in der Zeit der Umstrukturierung stets mit. Dass auch diese vom neuen artego-Weg überzeugt waren, sei keine Selbstverständlichkeit gewesen.

Mehr als kompensiert
artego erwirtschaftete 2013 einen Umsatz von 28,9 Mio. Euro. Dieser teilte sich zur Hälfte auf die Flatpacks und zur Hälfte auf die Einbauküchen auf. Als die Produktion der zerlegten Ware eingestellt wurde, verzichteten die Gesellschafter also bewusst auf 50% des Umsatzes. Dieser wurde aber nicht nur kompensiert, sondern stieg sogar: 2014 auf 34,6 Mio. Euro. Im abgelaufenen Geschäftsjahr wurde die 40-Mio.-Euro-Marke bereits geknackt — nur mit Einbauküchen. Die Triebfeder sei es dabei aber nie gewesen, nur möglichst schnell zu wachsen.

Auslandsanteil wächst
Der Exportanteil lag 2015 bei 23%. Holland, Belgien, Frank­reich, Luxemburg, Schweiz und Öster­reich sind außerhalb Deutschlands die Kernmärkte. Großbritannien ist eines der kommenden Ziele. „Aber wir wollen nichts überstürzen und alle Märkte professionell angehen. Wir müssen uns dafür gut vorbereiten und die Voraussetzungen schaffen“, so Hillebrand. Aktuell entwickle sich artego sogar schneller im Aus- als im Inland. Ende des Jahres werden mehr als 30% Export­anteil prognostiziert. Auch wenn das – im Vergleich mit den meisten anderen Unternehmen – noch ein geringer Anteil sei, bewertet der Verkaufsleiter die Entwicklung als absolut positiv.
artego produziert jährlich mehr als 30.000 Küchen. Diese liegen bei einem Handelsverkaufspreis zwischen 2000 und 8000 Euro. Genau in jenem Feld also, in dem auch die größten Hersteller Deutschlands ihren Hauptumsatz erzielen. „Natürlich ist es jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, sich in diesem Umfeld zu bewegen“, sagt Hillebrand. Und er weiß: „Wir dürfen in keinem Leistungsbereich schlechter sein als die Konkurrenz.“

Differenzierung über das Raster
Gleichzeitig will sich der Küchenmöbelhersteller differenzieren, sich seine Nischen im Markt suchen. „Das größte Differenzierungspotenzial bieten wir über das 130er-Raster. Das war vorher nur Herstellern vorbehalten, die im sehr viel höherwertigen Bereich fertigen“, erklärt der Vertriebsleiter. Diese Rasterküche hält er für das ausgereifteste Produkt, das artego im Markt habe. „Wir haben dieses Produkt nur in ein völlig anderes Preissegment adaptiert.“
Ein weiteres Differenzierungsmerkmal sei die Umstellung vom Hochglanzfoliensortiment zu UV-Lack. Diese wurde vor fünf Jahren realisiert. Und obwohl seit zwei Jahren die Lacklaminat-Welle in den Markt schwappt, bleibt artego der Lack-Methode treu. Für Hillebrand war das die richtige Entscheidung. „Das sind Feinheiten, durch die wir unseren Partnern kleine, aber vielleicht schlagende Argumente geben,“ meint der Prokurist. „Wir können dadurch die gleichen Optiken und gleichen Preise erzielen.“ Es sei lediglich ein strategisch anderer Ansatz, um das Feld „Hochglanz“ zu besetzen.

Vorfreude auf die Herbstmesse
Schwieriger als die Produktion umzustellen, war es, den Imagewandel zu vollziehen. Skeptiker mussten überzeugt, neue Kunden gewonnen werden. „Es sprach sich aber schnell herum, dass wir uns schnell entwickelten. Dann sprangen immer mehr auf unseren Zug auf.“ Die Rasterumstellung habe dann noch einmal zur Verunsicherung bei einigen Partnern geführt. Diesen Wechsel hatte artego bereits ein Dreivierteljahr vor der Einführung bekanntgegeben, und inzwischen ist die Umstellung seit gut sechs Monaten vollständig vollzogen. „Wir haben mehr als 2000 Musterküchen im Markt ausgetauscht“, erklärt Hillebrand.
Das artego-Team freut sich nun auf die Messe Mitte September. Der Küchenmöbelhersteller stellt in seinem Messezentrum in Kirchlengern sein neues Programm auf mehr als 2000 Quadratmetern vor. Unter anderem werden die Q3-Küchen, also das grifflos Sortiment, auf das 130er-Raster umgestellt. Weitere Neuheiten-Details folgen im September.

www.artego-kuechen.de

Astrid Plaßhenrich