04.03.2016

Mit der Küche sehen wir uns gern als Nabel der Welt. Fürs Einrichten insgesamt ist das natürlich völlig korrekt. Beim „Intelligenten Wohnen“ sind die Koordinaten aber anders gesetzt.

Den Status der Spülmaschine überprüfen, die Waschmaschine ein-, den Trockner ausschalten, schauen, was der Kühlschrank so hergibt – und das alles auch vom Sofa aus oder von unterwegs. „Smart Home“ heißt das Stichwort, das dies alles möglich machen soll. Das muss nicht jeder mögen, daran vorbeikommen werden wir grundsätzlich betrachtet aber nicht. Vernetzung ist längst zum Grundprinzip modernen Lebens geworden und wir stehen erst am Anfang dessen, was sich da um uns zusammenbraut. Manches wird praktisch und komfortabel sein, anderes lässt schaudern.

Laut einer Befragung der GfK gehen rund 43 Prozent der deutschen Internetnutzer davon aus, dass der Technik-Trend „­Connectivity“ in den nächsten Jahren den größten Einfluss auf ihr Leben haben wird. Die Verbraucher sehen den Nutzen von „Smart Home“-Anwendungen aktuell vor allem in den Bereichen Sicherheit und Haussteuerung sowie Energie, Beleuchtung und Entertainment. Dann folgt die mobile Bedienung der Haushaltsgeräte.
Aktuell bestimmen Erwartungen, Vermutungen und Wünsche das Bild. Handfeste Umsätze dürften in den Statistiken der Industrie bis dato Artenschutz genießen. Auch hierfür hat die GfK-Studie eine Antwort: Die Kosten sind vielen zu hoch und die Datensicherheit zu löchrig. Rund 42 Prozent der in Deutschland Befragen nennen „hohe Kosten“ als Hinderungsgrund, und 35 Prozent fürchten, dass ihr Zuhause von fremden Personen „gehackt“ werden könnten. Die Industrie jedweder Branche täte gut dran, diese Zahlen sehr ernst zu nehmen und zu thematisieren – und sich nicht allein dem Rausch der technischen Möglichkeiten hinzugeben. Denn das nagt nachweislich an der Glaubwürdigkeit und verursacht neue Scherereien, wie eine andere Studie herausgefunden hat. Diese kommt von Bauknecht und hat herausgefunden, dass der Verbraucher mit konkreten Nutzenszenarien überzeugt werden will, bevor er sich der Vernetzung in den heimischen vier Wänden strategisch widmet.
Inspirationen zu den Nutzenaspekten der vernetzten Küche als Bestandteil des „Smart Home“ erhielt der interessierte Küchenplaner bislang wenige. Auf der Elektro-Messe IFA gab es dazu zwar einen veritablen Hype, und manche der vernetzungsfähigen Geräte, die dort gezeigt wurden, sind separat betrachtet sicher sehr interessant – aber es handelt sich halt durch die Bank um herstellergeprägte Einzellösungen. Integrierte Systemlösung? Fehlanzeige. Ebenso auf den Hausmessen 2015. Dort zeigte lediglich Alno-Tochter tielsa eine Umsetzung, die auch den Lebensraum Küche berührt. Sicherheit, Einbruchschutz, Energiesparen und vor allem altersgerechtes Wohnen stehen aber auch dort deutlich im Fokus.
An dieser Komplexität des „Smart Home“ wird an vielen Stellen gefeilt. Auf der imm cologne zum Beispiel wurde ein mit Sensoren und Aktoren bestücktes Zuhause in Szene gesetzt. Klar, als Messeinszenierung, aber dennoch nah an der Praxis. Das „Smart Home“ auf der imm zeigte auf: Die Küche darf gerne Teil eines schlauen Zuhauses sein – sie muss aber nicht zwingend im Mittelpunkt stehen. Auch wenn das unser lieb gewonnenes Selbstverständnis von der Küche als „Herz des Hauses“ gern anders hätte.

Die führenden Hersteller der Hausgerätebranche kooperieren auch, aber ungern in der eigenen Branche. So köcheln sie lieber mit potenten externen Partnern ihre eigenen technischen Süppchen, statt sich eines einheitlichen Standards zu öffnen. Die Holzfachleute der Branche sehen sich schon mal gar nicht zuständig.
 Profitieren werden von der „Connectivity“ wohl jene Branchen und Unternehmen, die bereit sind, mit anderen Anbietern thematisch noch viel intensiver gemeinsame Sache zu machen und sich auf einen Anbieter bzw. technischen Standard zu einigen, der die vielen IP-Solisten dirigiert. Der Verbraucher wird das „Smart Home“ und damit die „vernetzte Küche“ erst dann lieben, wenn technisch alles reibungslos zusammenspielt und ein handfester Nutzen erkennbar wird. Wer den Vernetzungsgedanken lieber an der eigenen Haustür enden lassen möchte, droht das „Off“, meint

 
Dirk Biermann, Chefredakteur


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