28.04.2015

Stille. Nachdem Lidewij Edelkoort während der Pressekonferenz der ZOW über kommende Trends referiert hatte, blieben weiterführende Fragen aus. Es war nicht so, dass die international renommierte Trendforscherin nichts zu berichten gehabt hätte. Ganz im Gegenteil. Aber die Journalisten interessierte weniger das Material der Zukunft, sondern ausschließlich die Zukunft der schwächelnden Messe. Von Astrid Plaßhenrich

Soll den Trend zum Materialismus symbolisieren. Foto: Biermann

Design- und Trendexpertin mit der Fähigkeit zur stilvollen Contenance: Lidewij Edelkoort. Foto: Biermann

Verwaist: Die Kojen der Designausstellung „trend_works“ stießen auf wenig Resonanz beim ZOW-Publikum. Foto: Biermann

Lidewij Edelkoort wirkte mit ihrer schillernden Erscheinung auf der Pressekonferenz fast schon etwas deplatziert neben Dr. Lucas Heumann, dem Hauptgeschäftsführer der Verbände der Holz- und Möbelindustrie Nordrhein-Westfalen, und Horst Rudolph, dem Geschäftsführer von Clarion Events Deutschland. Optisch wie inhaltlich: Die Herren präsentierten Fakten, vor allem Zahlen. Sie, die weltweit anerkannte Trendforscherin, war für die soften Argumente zuständig. Dabei sprach die 64-Jährige ruhig, unaufgeregt und erklärte plausibel, warum es sechs Trends gibt, die ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren Bestand haben werden.

Koryphäe ihres Fachs
Doch sie wolle nicht zu viel erzählen, sagte sie, sondern freue sich auf weitere Fragen zur Ausstellung. Es wäre spannend gewesen zu wissen, was die Niederländerin dachte, als sich niemand der Berichterstatter für Hintergründe der Sonderausstellung „trend_works“ interessierte. Schließlich gilt Lidewij Edelkoort als Koryphäe ihres Fachs. Sie sah den Wellnessboom, die Modefarbe Pink und den Trend zur Familie voraus und berät die Kosmetik-, Automobil- und Modeindustrie. Siemens, Coca-Cola und Nissan gehören ebenso zu ihren Kunden wie Estée Lauder, Lancôme, L'Oréal oder Gucci. „Manche sprechen der einflussreichen Trendforscherin gar prophetische Fähigkeiten zu – dabei scheint sie einfach nur gut im Sammeln und Analysieren von Daten zu sein“, hat die Tageszeitung Die Welt einmal über Edelkoort geschrieben.

Aufwendig recherchiert
In Bad Salzuflen berichtete sie über die Trends, die sie in den letzten Monaten weltweit ausgemacht hat: Sie recherchierte auf der International Contemporary Furniture Fair in New York, dem Salone Internazionale del Mobile in Mailand, auf der London Design Week, der Maison & Objet in Paris und der Dutch Design Week in Eindhoven. „Frau Edelkoort ist in unserem Auftrag zwölf Monate gereist, um diese Studie vorzunehmen“, sagte Horst Rudolph. Es war also eine aufwendige Arbeit, die bei den Messebesuchern so wenig ankam und bei den Fachjournalisten des Möbelbaus so wenig Gehör fand. Dabei ist sie doch weltweit eine gefragte Gesprächspartnerin.
Lidewij Edelkoort nahm die Stille mit Fassung und bewundernswerter Contenance. Die Niederländerin verließ die Pressekonferenz in Richtung Flughafen. Auch in aller Stille und ohne dass sie von den Veranstaltern verabschiedet wurde.

Anfassen verboten!
Das Ausstellungsformat „trend_works“ wirkte ähnlich deplatziert auf der ZOW. Auf den 2.000 Quadratmetern waren sechs Kojen aufgebaut, in denen die Trends beispielhaft dargestellt wurden. Dabei ging es vordergründig um Materialien und Farben. Wie die Möbel der Zukunft aussehen werden, war nicht das Thema. Eher wie sie sich anfühlen. Seltsam nur: Ein Mann im schwarzen Anzug wachte über die Fläche und guckte grimmig dabei. „Anfassen verboten!“, lautete seine Botschaft. Dabei hatte Edelkoort besonders betont, dass die Haptik und das Erleben der Materialien zunehmend wichtiger werden. „Denn die Formen gleichen sich immer mehr an“, erklärte die Trendforscherin. So werden wir beispielsweise von immer mehr Flachbildschirme umgeben. Sei es als Telefon, Fernseher oder Tablet. Diese Einschätzung ist nachvollziehbar – aber wenn die Besucher die Materialien nicht berühren dürfen, wird ein wichtiger Teil ihrer These nicht erlebbar, nämlich das Fühlen der Materialien.
Der wachsame Mann im schwarzen Anzug hatte ohnehin kaum etwas zu tun. Die Ausstellungsfläche wurde von den Messebesuchern nur spärlich wahrgenommen. Ein wenig erinnerte die Stimmung an ein Museum. Nur vereinzelt verliefen sich Interessierte in die hinterste Ecke der Halle 20.

Was gibt es noch?
Die sechs Trends, die Lidewij Edelkoort auf der ZOW vorstellte, waren mit sechs Schlagwörtern überschrieben: Classicism (Klassizismus), Expressionism (Expressionismus), Materialism (Materialismus), Emotionalism (Pathos), Industrialism (Industrialismus) und Primitivism (Primivität). Letzteres steht für den Trend zu Holz, Industrialism dagegen für den zu Metall. Classicism beschreibt die Rückkehr zu Naturstein und Marmor. Emotionalism stellt den Drang zum Verschönern und Dekorieren dar. Materialism wird mit den verschiedensten Textilien verbunden und Expressionism steht für den Trend zu mehr Farbigkeit. Als Beobachter fragt man sich: Sind damit nicht schon nahezu alle Materialbereiche abgedeckt? Was gibt es darüber hinaus noch?

Interessant aber unpassend
Sicher: Das von Lidewij Edelkoort in Szene gesetzte Thema ist spannend und hochinteressant – aber es passte nicht wirklich zur ZOW. Unser Eindruck: Es war wohl das ungeeignete Umfeld dafür.

www.zow.de

Dieser Beitrag ist erschienen in KÜCHENPLANER, Ausgabe 3/4 2015.
Die gesamte Ausgabe gibt es auch als ePaper auf www.pressekatalog.de, Stichwortsuche Küchenplaner.