02.09.2013

„Atomkraft? Nein, Danke! Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose.“ Mit dieser launig wirkenden Aussage wurden die ersten Aktivisten der Anti-Atomkraft-Bewegung belächelt und damit in den Augen eines mäßig informierten Durchschnittsbürgers unglaubwürdig gemacht.

Zumeist von Befürwortern einer Technik, mit der sich unglaublich viel Geld verdienen ließ. Vorgetragen von Lautsprechern aus Politik und Großindustrie, die sich aufreizend ignorant gaben und sich weigerten, sämtliche Fakten rund um die angeblich so saubere Energie Kernkraft wahrzunehmen.

Inzwischen haben sich die Gefahren und Kosten herumgesprochen, die mit der Produktion von Atomkraft verbunden sind, mit der kaum kalkulierbaren Lagerung der strahlenden Produktionsreste, mit deren Transporten sowie der Sicherung der Anlagen vor Terrorangriffen. „Besser regenerativ“ hat sich als konsensfähig erwiesen – über alle Teile der Gesellschaft.
Und jetzt das: Als hätten wir mit den mehr als ärgerlichen Begleitumständen der sogenannten Energiewende nicht genug Last, rückt die Qualität des Trinkwassers auch noch ins Bewusstsein. Wieder wird gewarnt, teilweise mit den Ängsten der Verbraucher gespielt. Und wieder wird von offizieller Seite beschwichtigt, nicht wahrgenommen und Kritiker lächerlich gemacht. „Chemie im Wasser? Nein, Danke! Bei uns kommt das Trinkwasser aus der Leitung“, könnte es analog zum Atomkraftbeispiel lauten. Der Witz daran ist schal wie eh und je.
Deutschland sorgt sich gern. Und wer mit der Angst der Menschen spielt, darf davon ausgehen, dass schnell viele offene Ohren auf Empfang schalten. Der gesamte Komplex Ernährung bietet sich für Bedenkenträger geradezu an. Kaum hat sich die Ernährung des Durchschnittsbürgers auf Basis eines halbwegs ausgewogenen Verhältnisses von Fetten, Kohlenhydraten, Eiweißen, Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen eingependelt, droht neues Ungemach, weil sich irgendein neu entdecktes Enzym nicht so entfalten kann, wie es sollte. Bei manchen Skandalen fragt man sich, wie die Spezies Mensch bislang überleben konnte. Andererseits: Von der Langzeitwirkung der zumeist künstlich chemisch erzeugten Stoffe unseres modernen Lebens, haben wir allenfalls den Hauch einer Ahnung.
Wie sind die angeblichen oder tatsächlichen Belastungen des Trinkwassers aus der Leitung also einzuschätzen? Für einen Nicht-Chemiker kein leichtes Unterfangen, sich hier eine abschließende Meinung zu bilden. Doch selbst als interessierter Laie muss man kein Anhänger nebulöser Verschwörungstheorien sein, um die geschilderten Fakten als gegebenenfalls gesundheitsbeeinträchtigend zu interpretieren. Um es bewusst vorsichtig auszudrücken. Und immer berücksichtigend, dass nicht nur gesunde Erwachsene mit einem intakten Immunsystem zu den Konsumenten zählen, sondern natürlich auch Babys und Kleinkinder sowie alte und kranke Menschen.
Das Thema Wasser hat viele Aspekte. Diesen auch: Von der Qualität des Leitungswassers in Deutschland können die Menschen in vielen anderen Ländern nur träumen. Schon in nächster Nähe: In Südeuropa ist es nicht ratsam, Wasser aus dem Hahn zu trinken.
Dennoch scheint es auch hierzulande Optimierungsbedarf zu geben bei gesetzlichen Rahmenbedingungen, Prüfroutinen, Großfiltertechnik und Leitungsbau. Und bei der Armaturenqualität bzw. dem Käuferbewusstsein beim Armaturenkauf. Nur weil es woanders noch schlechter ist, müssen wir uns in Deutschland nicht mit objektiven Risiken abfinden. Allerdings kosten diese Projekte viel Geld. Die Realisierung wird deshalb wohl lange auf sich warten lassen.

Für Verbraucher, für die reines und möglichst schadstofffreies Trinkwasser aus dem Hahn ein Grundbedürfnis ist, verlagert sich die Lösung der skizzierten Probleme also vorerst an die Zapfstelle in der Küche. Oder an die Kasse des Getränkemarktes – wohlwissend, dass die Öko-Bilanz des Produkts Flaschenwasser miserabel ist angesichts von vielen Millionen PET-Flaschen und ebenso vielen Transportkilometern per LKW. Wie das „Quellwasser“ der Mineralwasserproduzenten auf den Langzeitaufenthalt in der Kunststoffflasche chemisch reagiert, wurde übrigens auch noch nie offiziell untersucht. Zumindest hat die gängige Recherche auf Google & Co. zu keinen zugänglichen Ergebnissen geführt.
Das Geschäft mit der Gesundheit floriert. Das lockt auch bei der Wasserfiltration Marktteilnehmer ganz unterschiedlicher Couleur an. Eine Aussage, die für Produzenten von Mineralwasser gleichermaßen gilt. Deren Gewinnmargen dürften erheblich sein.

Sauberes Wasser gilt als Öl des 21. Jahrhunderts. Das klingt etwas platt, macht aber den Stellenwert deutlich. Nur weil es bei uns in Deutschland derzeit so schön klar und meist neutral riechend aus der Leitung plätschert, sollten wir nicht denken, dass uns das Wasser als Thema der Gegenwart und Zukunft nichts angeht. Erst vor wenigen Wochen ist der Startschuss für die Privatisierung der Wasserversorgung in Europa in allerletzter Sekunde gestoppt worden: Von massiv protestierenden Bürgern u.a. mithilfe von zahlreichen Petitionen im Internet. Das ist ein großer Erfolg. Denn machen wir uns nichts vor: Privatisierung bedeutet stets Profitmaximierung. Da können die PR-Abteilungen der globalen Lebensmittelkonzerne Kreide verzehren, soviel sie wollen.
Die Zahl der Küchenverkäufer und Küchen­planer, die sich mit dem Themenkomplex Wasserfiltration beschäftigt, mag derzeit noch gering sein. Doch das kann sich schnell ändern. Mit der steigenden Zahl von Verbrauchern, die einen kompetenten Ansprechpartner suchen.
Dirk Biermann