Mehr als rund und ruhig
Die grundlegende Richtung, in die sich das Küchendesign bewegt, ist schon seit einiger Zeit definiert, zeigt sich aber immer fokussierter. Behaglich soll es sein, ruhig, harmonisch und klar strukturiert. Die Hersteller jonglieren mit internationalen Einrichtungsstilen, einer Prise Retro und einem matten Minimalismus, der sich bei aller Zurückhaltung nicht im Puristischen verliert. Also alles rund und ruhig auf Basis von wohnlichen Erdtönen und metallischen Akzenten? Durchaus. Aber nicht nur, wie die Impressionen aus den Ausstellungen der Küchenmöbelhersteller dokumentieren. In Summe zeigt sich eine Evolution des Cocooning. Entschleunigung daheim, während sich die Welt draußen überschlägt.
Spiel von Optik und Funktion
Die Küche als stiller Rückzugsort? So weit geht es dann doch nicht. Schließlich reden wir vom lebendigen Mittelpunkt des Wohnens. Die Küche bleibt bei allem Anspruch an Wohnlichkeit DAS gesellige Zentrum und gleichzeitig ein Arbeitsraum, in dem Lebensmittel gelagert, vorbereitet und zubereitet werden. Gespült wird auch immer noch. Im Spiel von Funktion und Optik neigt sich die Waagschale aber spürbar in Richtung Gestaltung. Die Funktion zieht sich dezent zurück oder passt sich in der Formgebung an, bleibt aber selbstverständlich präsent. Geht ja nicht ohne. Damit wird die Küche – oder der Küchenbereich im offenen Wohnen – zu einem Raum, der noch intensiver als bisher Geborgenheit ausstrahlt und dennoch hoch funktional ist.
Ruhiges Gesamtbild
Der Trend zu Sinnlichkeit und Entschleunigung zeigt sich besonders in der Formensprache. Weiche Rundungen nehmen dem Kastenmöbel die Härte, Technik tritt wie eingangs erwähnt in den Hintergrund. Japandi, die Mischung aus japanischem Purismus und skandinavischer Behaglichkeit, prägt viele Entwürfe. Sanfte Linien fördern die Gemütlichkeit und schaffen Harmonie zwischen Küche und Wohnraum. Wobei die Farbwelten die Vermittlerrolle übernehmen. Sand, Taupe, Macchiato, Caramel oder Coffee dominieren die neuen Kollektionen. Warme Naturfarbtöne von Beige bis Sepia erzeugen Ruhe und Tiefe. Grün bleibt Akzentgeber: Salbei, Olive und Avocado vermitteln Frische und Naturnähe, ohne zu dominieren. Dunkle Kontraste wie Midnight oder Fjord bringen zusätzliche Eleganz in moderne Konzepte. Ebenso wie mattes Schwarz, das sich zunehmend von der Möbelfront zurückzieht und sich auf die Geräteoberflächen konzentriert. Holzdekore sind als Kombinationspartner ebenfalls allgegenwärtig, oft mit Synchronpore oder als Echtholzfurnier, um die Anmutung des Echten zu bewahren. Denn der Naturbezug steht hoch im Kurs und wird budgetkonform mit Naturstein, Keramik, Echt- oder Massivholz und massiver metallischer Materialität verkörpert. Ergänzend gewinnen auch in den Nachbildungen feine Stein- und Terrazzo-Optiken an Gewicht. Und Taj Mahal auf der Platte. Einheitlichkeit ist das Stichwort: Korpus, Front und Innenfarbe verschmelzen zu einem ruhigen Gesamtbild. Jegliche Form von Exzentrik fällt auf und wirkt umso strategischer gesetzt.
Schnell da, schnell weg
Gleichzeitig steht 2026 für robuste Eleganz. Anti-Fingerprint-Oberflächen sind Standard, ihre Haptik wird immer feiner. Neue Oberflächen verbinden Widerstandsfähigkeit mit samtiger Oberfläche. Auch das Innenleben folgt dieser Logik. Schmale Zargensysteme verfeinern das Design mit dunklen Lackierungen oder Titan-, Glas- und Holzoptiken. Hochschrankwände erhalten Auszugs-Abschlussschränke, Vorratsräume werden begehbar und auf den Arbeitsflächen bewegen sich leichtgängige Auszugstablare aus dem Aufsatzschrank und transportieren alles, was nützlich ist, aber ungenutzt im Weg rumsteht. Wer jetzt an den Thermomix oder eine Heißluftfritteuse denkt, liegt gar nicht so falsch. Bei alledem wird Licht immer mehr zum Stimmungsmacher.
Dirk Biermann









