09.03.2026

Zahlen richtig deuten, Liquidität sichern

Der Kontostand kann trügen und den Blick auf die tatsächliche Lage im Küchenstudio verzerren. Um liquide zu bleiben, ist es deswegen wichtig, die betriebswirtschaftlichen Auswertungen richtig zu lesen. Wie das geht, erläutert Ingo Anneken von der SEB Steuerberatung.

Der Autor Ingo Anneken (Foto) ist seit 2009 Geschäftsführer der SEB Steuerberatung. Gemeinsam mit seinen Kollegen unterstützt er die Kunden über die klassische Steuerberatung hinaus hinsichtlich einer Vielzahl an betriebswirtschaftlichen Fragen – von der Rechtsformoptimierung bis hin zur Existenzgründung. Zudem ist er Fachberater für Unternehmensnachfolge (DStV e.V.). Foto: SEB

Auf den ersten Blick könnte man ein ordentliches Plus auf dem Kontoauszug für einen sicheren Liquiditätsindikator halten. Doch der Eindruck kann täuschen. Die Frage ist nämlich, woher das Plus auf dem Konto kommt. Kundenanzahlungen sind ökonomisch ein Vorschuss und bilanziell eine Verpflichtung. Erst mit Lieferung wird daraus Umsatz. Gleichzeitig erfolgt die Belastung aus ZR-Abrechnungen oder Industrie-Lieferungen oft zeitversetzt. Diese Verschiebungen erzeugen kurzfristige Liquiditätspolster, ohne dass damit Ergebnis erwirtschaftet wäre. Dieses Prinzip hat auch Auswirkungen, wenn das Unternehmen verkauft werden soll: Erwerber achten zum Übergabetag darauf, dass Anzahlungen durch Bankguthaben gedeckt sind und Restzahlungen zur Begleichung der korrespondierenden Warenrechnungen gesichert vorliegen. Lager und Musterküchen sind dann Teil des Kaufpreises.

BWA lesen – vom Schnappschuss zum Befund
Für eine tragfähige Diagnose der betriebswirtschaftlichen Auswertung (BWA) braucht es nun den Längsschnitt: Man sollte drei bis fünf Jahre Entwicklung von Umsatz, Rohertrag und Kosten im Vergleich betrachten, was grundsätzlich jedes Buchhaltungssystem leisten kann. Bleiben die relativen Kostenquoten stabil und steigen Umsätze sowie Deckungsbeiträge schneller als die Aufwendungen, spricht das für robuste Strukturen. Bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften gibt der Vergleich aus vorläufigem Gewinn und Privatentnahmen einen groben Liquiditätsindikator: Über mehrere Jahre geringere Entnahmen als Gewinne deuten auf Entschuldung und Liquiditätsaufbau hin.

Wie Buchungen das Bild verändern
Soweit das grobe erste Bild: Weiter hängt die Aussagekraft der BWA von der Abbildungspraxis ab. Werden Anzahlungen sauber als Verbindlichkeit geführt und bei Auslieferung umgebucht – oder fließen sie direkt in Erlöse? Werden Wareneingänge zunächst als Lieferantenverbindlichkeiten erfasst – oder sofort als Aufwand? Sind Lagerbestände gezählt oder nur geschätzt? Wie erfolgt die Bruttolohnverbuchung? Solche Weichenstellungen entscheiden über Rohertrag, Periodenzuordnung und Vergleichbarkeit – und sollten, damit sie nicht zu falschen Rückschlüssen führen, gegebenenfalls unter Zuziehung von Beratern geklärt werden. Wenn dies nicht schon vor Jahresende geschehen ist, sollte die Begutachtung spätestens im Februar des neuen Jahres anhand der Dezemberauswertung erfolgen. Wenn in diesem Zusammenhang die Erkenntnis erlangt wird, dass der Gewinn zwar gestiegen, das Geld aber gefühlt weniger geworden ist, kann der Steuerberater diesen Effekt mit einer speziellen Auswertung analysieren und im Gespräch erläutern.

Liquidität aktiv steuern
Der Grundsatz „Liquidität geht vor Gewinn“ hat immer Gültigkeit. Deshalb gehören Maßnahmen zur Stärkung der Zahlungsfähigkeit auf die Agenda. Orientierung bietet die DATEV-Auswertung „Bewegungsbilanz“. Mit ihr lassen sich Tendenzen erkennen und daraus Maßnahmen entwickeln. Wirksam ist, was Zahlungszeitpunkte verschiebt oder Kapitalbindung reduziert. Dazu zählen klar strukturierte Anzahlungs- und Restzahlungsregeln (Rechnungsstellung der Restzahlung möglichst vor Auslieferung), die zügige Abarbeitung von Reklamationen zur raschen Vereinnahmung offener Beträge sowie die Bereinigung des Lagers – insbesondere durch Abverkauf von Musterküchen und Abbau langsam drehender Positionen. Wo kurzfristige Verbindlichkeiten die Beweglichkeit einschränken, hilft das Umschichten in längere Laufzeiten mit passenden Tilgungsprofilen. Ein rollierender Liquiditätsplan bündelt diese Hebel und macht Engpässe früh sichtbar. Kurz: Mit klarer Zahlungslogik, aktivem Bestandsmanagement, passender USt-Wahl und einer zur Ertragskraft passenden Finanzierung stabilisieren Sie die Liquidität und schaffen die Basis für eine verlässliche Steuerung im laufenden Jahr.

Planung schafft Verbindlichkeit
Und nicht nur die Liquidität, auch die Umsätze lassen sich planen. Und zwar, indem aus Marktannahmen, der Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre und den konkret vorgesehenen Maßnahmen eine Zeitreihe entwickelt wird. Darauf bauen Kosten- und Liquiditätsplanung auf; ihre Wirkung entfalten sie erst im gelebten Soll-/Ist-Vergleich. Wer Abweichungen monatlich analysiert und Gegensteuerung verbindlich plant, hält den Betrieb auf Kurs und erfüllt zugleich Erwartungen von Banken und Partnern nach verlässlicher Steuerung. Die Planungskosten werden übrigens unter Umständen gefördert – betriebswirtschaftliche Berater können prüfen, ob das im konkreten Fall der Fall ist.

Fazit: Zahlen sorgen für Sicherheit
Liquidität geht vor Gewinn. Wer die Mechanik aus Anzahlungen, Lieferantenbelastungen und Lagerbindung versteht, die BWA im Zeitvergleich liest und Zahlungsströme systematisch lenkt, gewinnt Stabilität – auch dann, wenn der Kontostand kurzfristig trügt. Planung, Disziplin im Soll-/Ist-Abgleich und wenige, konsequent umgesetzte Maßnahmen machen den Unterschied zwischen reaktivem Sparen und souveräner Steuerung.

www.seb-steuerberatung.de

 



Wie sich die Liquidität steigern lässt

  • USt-Systematik prüfen: Bei Vorjahresumsatz ≤ 800.000 € auf Ist-Versteuerung umstellen (USt-Abfluss erst bei Geldeingang); bei Überschreiten der Schwelle den höheren Vorfinanzierungsbedarf einplanen.
  • Zahlungsplan schärfen: Höhe/Timing der Anzahlungen festlegen; Schlussrechnung vor Auslieferung stellen und Zahlung zur Auslieferung fällig machen.
  • Lager entlasten: Bestände physisch prüfen, Langsamdreher identifizieren, Musterküchen abverkaufen, Vorhaltung reduzieren.
  • Reklamationen beschleunigen: Durchlaufzeiten senken, damit Restzahlungen schneller vereinnahmt werden.
  • Finanzierung glätten: Kurz- in langfristige Verbindlichkeiten umschichten, passende Tilgungsprofile vereinbaren.
  • Transparenz erhöhen: rollierenden Liquiditätsplan führen (Ein-/Auszahlungen, Fälligkeiten, Zahlungsziele) und monatlich aktualisieren.
  • Eigenmittel abwägen: Falls nötig, private Mittel gezielt und befristet zuführen – abgestimmt mit Bank/Steuerberatung.
  • Experten hinzuziehen: Planung erstellen und Beratung fördern lassen.