20.06.2023

Im September schlägt das Herz der Küchenbranche. Doch in diesem Jahr haben wir die Rechnung ohne den Mai gemacht. Die Branche pulsiert. Das Editorial aus KÜCHENPLANER 5/6 2023.

Dirk Biermann, Chefredakteur KÜCHENPLANER online/offline

Zugegeben, der Begriff ‚pulsieren‘ irritiert im Zusammenhang mit der aktuellen Küchenkonjunktur. Denn die Statistiker holen uns nach der coronainduzierten Sonderkonjunktur auf den Boden der Realität zurück und sind dabei nicht zimperlich. Mit Zahlen wie 2019 und einer Spreizung, wie sie der Küchenmarkt vielleicht noch nie erlebt hat. Das Premium mit Küchen ab 20.000 Euro VK legte laut GfK in Deutschland im Jahr 2022 um 34 Prozent zu, während der Einstieg mit Küchenpreisen unter 5.000 Euro um 20 Prozent nachgab. Selbst die langjährig stabile Mitte, die sich mit Verkaufspreisen zwischen 5.000 und 10.000 Euro eingerichtet hat, tritt mit einem Fuß ins Leere. Minus 17 Prozent. Das schmerzt. In der Umsatzbilanz gleichen sich Zugewinne und Verluste weitgehend aus, die Menge an Schränken, Arbeitsplatten, Geräten, Spülen, Armaturen und sonstigem Küchenzubehör hat sich aber reduziert. Dies trifft die Unternehmen in Industrie und Handel unterschiedlich. Je nach Kostenstruktur und Geschäftsmodell. Wer seine Stärken maßgeblich über günstige Produkte definiert oder viel Masse in allen Segmenten zur Auslastung der Kapazitäten braucht, kämpft eher mit Problemen. Wer mit Nutzenargumenten und Emotionen die Lifestyle-Wünsche gehobener Budgets anspricht, kennt den Großteil der Aufregung nur vom Hörensagen. Die Last mit steigenden Kosten für Material, Energie und Logistik spüren jedoch alle. Die führenden Zulieferer besonderes, weil deren Platten und Beschläge nur bedingt zwischen Einstieg, Mitte und Premium unterscheiden. „Es gibt derzeit viele Herausforderungen“, war der wohl meistgesprochene Satz auf den Pressekonferenzen der letzten Wochen und im persönlichen Austausch.

Die Lage ist ambivalent und nicht für jeden ist gerade alles gut. Vor diesem Hintergrund wirkten zwei Messen im Mai wie Stimmungsaufheller aus der Hausapotheke. Die küchenwohntrends in Salzburg und die interzum in Köln. Beide Events begeisterten. Und das nicht nur die Veranstalter, die schon wegen der Pflege ihres Geschäftsmodells zu einer positiven Bilanz verpflichtet sind. Auch von Ausstellern gab es durchweg viel Lob und große Erleichterung, dass diese Form der persönlichen Begegnung wieder möglich ist. Was uns lehrt: Digitale Kommunikation ist nützlich, hat aber klare Grenzen in der Exklusivität.

Die küchenwohntrends (im Verbund mit der möbel austria) und die interzum sind grundverschieden. Von der Größe, vom Zuspruch, vom Einzugsgebiet. Dennoch werden beide Veranstaltungen auf ihre Weise hochgeschätzt und geradezu euphorisch gefeiert. Das liegt zum einen wohl daran, dass wir nach den Jahren der Zwangspause wieder im großen Stil erleben dürfen, wie sehr uns Messen am Herzen liegen. Doch das allein ist noch kein Erfolgsgarant. Hinzu kommen hochmotivierte und versierte Veranstalter sowie professionelle Rahmenbedingungen.
Der Messestandort Köln glänzt (unter anderem) mit einer Top-Infrastruktur, die immer attraktiver wird. Wer vom Hauptbahnhof kommend in Deutz in Fahrtrichtung links aus dem Zug steigt, steht zwei Minuten später vor dem Messeeingang Süd. Besser kann die Anbindung einer Weltleitmesse mit mehreren zehntausend Besucherinnen und Besuchern nicht gelingen.
Auf der küchenwohntrends beeindruckte vor allem die persönliche und zugleich lebendige und geschäftige Wohlfühlatmosphäre. Diese entsteht nicht von selbst. Basis ist sicherlich das bekannte organisatorische Geschick des Trendfairs-Teams und dessen persönliche Kommunikation. Der zur Unaufgeregtheit neigende Messestandort Salzburg steuert auch etwas bei. Doch es kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Auf die Frage, wie eine Messe in der Post-Corona-Ära funktionieren kann, argumentierte Trendfairs-Inhaber Michael Rambach erst mit den nachvollziehbaren Vorteilen „einer konzentrierten Fachmesse, die für eine klar definierte Community das Bestmögliche schafft“, um dann hinzuzufügen: „Und weil wir lieben, was wir hier tun.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und Inspiration bei der Lektüre dieser Ausgabe.

Dirk Biermann
Chefredakteur KÜCHENPLANER online/offline