30.09.2019

Eine Küchenausstellung ohne Deko? Kaum vorstellbar! Doch wieviel Styling sollte sein? Was spricht die Kunden an? Was lenkt sie nur ab? Im Gespräch mit dem Stylisten Christian Kleemann aus Berlin wird schnell klar: lebendig sollte es seinund sympathisch – aber nicht überladen.

Wie vor einem Moment verlassen. So sollte die Deko im Küchenstudio im besten Fall wirken, sagt der Stylist Christian Kleemann. Foto: Søstrene Grene; www.sostrenegrene.com

Foto: Michael Mann

Ein Beispiel aus dem Fotostudio, aber mit mehreren, auch im Küchenstudio umsetzbaren Details. Diese ­bulthaup- Küche aus dem Programm b2 mit Werkschrank lädt zum sofortigen Loslegen ein. Fotos: bulthaup

Küchenplaner: Ist Dekoration in Küchenstudios überhaupt notwendig?
Christian Kleemann: Ja, unbedingt! Wenn man sich vorstellt, dass man sich in einem Autohaus nicht einmal probeweise in den Wagen setzen darf, den man eventuell kaufen möchte, kommt das in ungefähr einem Küchenverkaufsraum gleich, der nicht zumindest minimal dekoriert wurde. Dekoration ist natürlich ein weites Feld, aber es geht darum, die Küche sympathisch zu gestalten. Der Kunde sollte ein Gefühl dafür bekommen können, wie die Küche im realen, natürlich etwas idealisierten Leben aussehen kann.

Welche Fehler können bei einem Styling gemacht werden? Gibt es ein Zuviel oder ein Zuwenig?
Das sind schon die beiden größten Fehler. Bei zu wenig Styling mag man sich im Raum nicht aufhalten, denn hier gibt es kein nachempfundenes, stilisiertes Leben. Ein zu viel an Styling lässt dem Betrachter keinen Raum für eigene Ideen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn eine Dekoration zu sehr in Richtung Loft- oder etwa Landhausküche getrimmt wurde und kein Platz für die eigene Fantasie bleibt. Der Rest ist natürlich immer Geschmacksache, also kann man da nicht wirklich Fehler machen. Nun gut, es gibt Ausnahmen, etwa Teller, auf denen ­PIZZA steht, oder Schüsseln mit der Beschriftung SALAT oder ­MÜSLI. Man sollte den Menschen selbst überlassen, was sie wofür und warum benutzen, aber das ist jetzt auch wieder Geschmacksache.

Gibt es grundsätzliche Regeln, wie ein Styling zu sein hat?
Sicher, aber hier beziehe ich das jetzt mal nur auf die Küchensituation. Von jeher her ist in den meisten Häusern und Wohnungen die Küche der Raum, in dem sich viel abspielt, es ist der wärmste Ort, früher oft der einzig beheizte. Die wichtigsten und intimsten Gespräche finden oft dort statt. Nach wie vor werden ­Küchen – im Verhältnis zu anderen Räumen – tendenziell immer größer. Die Konturen der ursprünglichen Nutzung verschwimmen, es spielt sich fast alles in einer Wohnküche ab.
Immer häufiger ist auch zu beobachten, dass Essen und somit das Kochen zur Glaubensangelegenheit werden. Gesundes Essen wird als Prävention, Kochbücher als Leitfaden für ein besseres Leben gesehen. Das sollte man auch beim Styling bedenken. Die ­Küche ist also oft der zentrale Lebensraum. Und das Leben ist keine gerade Linie.

„Etwas, das überrascht“
Sollte die Küche vom Stil her auch noch so cool sein, ist es ratsam etwas Komplementäres hinein zu bringen, etwas das überrascht. Bei aller Modernität und allen technischen Möglichkeiten der smarten Küchen, sollte man den Menschen nicht aus den Augen verlieren. Das kann man am besten mit Styling zeigen: Zum Beispiel mit einer Vase der Großmutter, einem alten Bild zum Thema Essen, ein Zinnteller mit echten (!) Äpfeln. Neben allem Neuen bieten solche Accessoires einen vertrauten Anblick. Schön ist auch ein handgeschriebenes Rezeptbuch.
In einer Retroküche im romantischen Stil kann man mit etwas modernerem, zum Beispiel geradlinigen Stühlen, einer Designerlampe oder einer Skulptur aus Beton, Kontrapunkte setzen. Um zu zeigen, dass man noch Bezug zur Realität hat. Es sollte gewachsen aussehen, nicht aufgebaut. Charmant, aber nicht gemütlich. Denn gemütlich machen es sich die Leute schon selber zu Hause.

„Keine Schnittblumen in gelblichem Wasser in transparenten Vasen.“
Überraschung und Humor sind meines Erachtens Schlüsselworte für ein gelungenes Styling. Ich nutze gerne Dinge, die man in einer Küche nicht vermutet: Persönliches mit Charakter. Ein kleines, von Kinderhand gemaltes und gut gerahmtes Bild finde ich persönlich immer passend. Am Ende sollte es ein harmonischer Anblick mit kleinen Brüchen sein. Unwiderstehlich können auch Gerüche sein. Zum Beispiel der Duft eines warmen Apfelkuchens oder heißer Croissants.

Sollten auch die Schubladen, Schränke, ­Kühlschränke dekoriert werden?
Es ist natürlich nicht ratsam, den Kühlschrank so zu füllen wie zu Hause. Er muss im Showroom ja auch nicht kühlen, es genügt, wenn zum Beispiel mit farbigem Wasser gefüllte Glasflaschen ohne Label und einige andere unverderbliche Dinge dort eingeordnet sind. Wenn sich jemand regelmäßig um den Inhalt kümmert, sind frisches Gemüse und Obst natürlich immer eine Augenweide. Es muss jedoch auch wirklich frisch und gesund aussehen. Und bitte: Keine Schnittblumen in gelblichem Wasser in transparenten Vasen stehen lassen. In den Schränken sollten ausgewählte Töpfe, Schüsseln, Teller, Besteck etc. vorhanden sein, nicht zu voll, aber auch keine gähnende Leere. Praktische Dinge, die zeigen, dass und wie eine Küche funktioniert. Auch hier gilt es, Modernes mit Altem zu mischen.

Wo findet man schöne Dekorationen?
Wer seine Augen öffnet findet nahezu überall Schönes. Das geht von kleinen skandinavischen Onlineshops über die Natur bis hin zu Flohmärkten oder Reisen. Wer die Kunden dort erwischt, wo sie beginnen, sich in eine Küche zu verlieben, hat schon fast eine verkauft. Was ich sagen möchte: Dekorieren Sie die Küche mit Liebe.

Was ist der Vorteil, wenn man einen Profi engagiert?
Ein Stylist macht seine Arbeit mit Liebe. Er versetzt sich in Situationen und Menschen und bringt diese neue Welt dann in den Raum. Ein Stylist beherrscht die Kunst, ein paar gute Dinge zu finden und daraus eine Geschichte zu schaffen, Kontrapunkte zu kreieren und Neugierde mit Sehnsucht leise zu vermengen. Die Küche ist ja auch ein Sehnsuchtsort. Ob der Betrachter diese Geschichte, die der Stylist in seinen Gedanken spinnt, versteht, spielt dabei keine Rolle. Es ist wichtig, dass er etwas empfindet. Aber ich plaudere hier beinahe Berufsgeheimnisse aus.

Welche sind Ihre Lieblingsaccessoires in der Küche?
Frische Blumen (immer mit frischem Wasser), vielleicht ein hübsch, aber nicht aufwendig gedeckter Tisch, eine Stehlampe, ein Bild oder Gemälde, ein großer Kohl, eine kleine Sammlung alter Kuchen- oder Puddingformen, Bücher. Gesund, hübsch, ein bisschen frech und appetitlich. Persönliches eben, aber das ist von Raum zu Raum, von Küche zu Küche wirklich verschieden. Man muss sich hineinfühlen, denn jede Geschichte ist anders. Jedenfalls aber immer so, als hätte jemand gerade den Raum verlassen, um aus dem Vorratsraum noch ein Glas Marmelade oder Champagner zu holen.

Das Gespräch führte Sybille Hilgert


Vita Christian Kleemann
Der in Bielefeld aufgewachsene Christian Kleemann (Foto) studierte Kunstgeschichte, Textil- und Modedesign an der Universität ABK Maastricht (NL) und arbeitete u.a. als De­signer in der Abteilung Accessoires und Herrenmode bei ­Claude ­Montana, ­Paris. Auch in der Trendforschung bei Li ­Edelkoort, Paris, war er tätig. Seit längerer Zeit arbeitet er als Stylist für internationale Magazine im Lifestyle-, Interior- und Fashion­bereich, als Set-­Designer für Kunstfilme und Fernsehproduktionen sowie als freischaffender Künstler. Christian ­Kleemann lebt in Berlin. www.christiankleemann.de