06.02.2018

Häcker und Kesseböhmer entwickeln den „SlightLift“


Wenn ein Küchenmöbelhersteller und ein Spezialist für Beschlagsysteme ihre Kompetenzen und Möglichkeiten vereinen, kann Großes entstehen. Beispielhaft dafür steht die Entwicklung des Schranköffnungssystems „SlightLift“, das Häcker zur Küchenmeile 2017 präsentierte. Projektpartner ist Kesseböhmer.

Geschlossen, halb geöffnet und ganz offen (Foto von links): das neuartige Öffnungssystem „SlightLift“ samt Beleuchtung kombiniert das Schieben und Schwenken in einem Beschlag. Häcker hat mit dieser Technik eine Vielzahl von Korpusvarianten mit unterschiedlichen Innendesigns im Programm. Hinzu kommen 16 Farben für die Glasfronten. Foto: Biermann

Präsentieren stellvertretend für ein hochmotiviertes und engagiertes Team mit Fachleuten aus den Unternehmen Häcker und Kesseböhmer die Neuheit „SlightLift“ (Foto von links): Michael Dittberner (Produktentwicklung und Produktmanagement Häcker), Thomas Herden (Vertriebsleiter Deutschland Kesseböhmer) und Karsten Bäumer (Kommunikation & PR Häcker). Foto: Biermann

Dank des geringen Öffnungswinkels der oberen Klappe spielt der „SlightLift“-Oberschrank auch in kleinen Küchen seine Stärken aus. Überall, wo es eng ist, auch. Foto: Biermann

Erst schieben, dann schwenken. Eigentlich eine ganz simple Art, einen Oberschrank zu öffnen, und nicht nur Michael Dittberner dürfte sich gefragt haben, warum da nicht längst jemand drauf gekommen ist. Dittberner ist bereits seit 29 Jahren im Unternehmen Häcker und seit zehn Jahren für Produktentwicklung und Produktmanagement verantwortlich – ein wenig Routine gegenüber neuen Ideen dürfte man ihm da wohl unterstellen. Doch wenn er über den „SlightLift“ spricht, leuchten seine Augen. Was an der Einzigartigkeit des Produkts liegt, aber auch am Entwicklungsprozess. Denn mit Kesseböhmer konnte der Küchenmöbelhersteller aus Rödinghausen einen geeigneten Partner für dieses Projekt gewinnen. Was hier gewollt nüchtern formuliert ist, sei in der Praxis eine von Innovationsfreude, Begeisterung und echter Team-Partnerschaft geprägte Angelegenheit gewesen. Und eine sportliche dazu, denn von der ersten Idee bis zur Präsentation im Herbst 2017 vergingen gerade einmal zwei Jahre. Der konkrete Entwicklungsprozess beschränkt sich gar auf 18 Monate.

Ein Beschlag, zwei Funktionen

Die Idee für den „SlightLift“ stammt vom renommierten Möbeldesigner Jochen Flacke aus Verl-Kaunitz. Geschäftliche Beziehungen aus der Vergangenheit zum Häcker-Senior Horst Finkemeier öffneten dem Kreativen auf direktem Weg die Türen zur Chefetage. Die Verantwortlichen in Rödinghausen rund um die Inhaber Horst und Jochen Finkemeier studierten die Planungsskizzen und schnell war klar: Flackes Idee ist eine echte Innovation und hat Potenzial. Sprich: So etwas wie den „SlightLift“ hat es bislang noch nicht gegeben. Beschläge fürs Schieben oder Schwenken von Möbelfronen und Rollläden kennt der Markt zwar, aber nicht die Kombination dieser beiden Öffnungsarten in einem Beschlag. Zusammen mit der Integration unterschiedlicher Lichtquellen entsteht bei dieser Entwicklung ein mechanisches Beschlagsystem mit Doppelnutzen für einen vollkommen neuen Oberschranktyp. „Eine Mischung aus Schrank und Regal“, wie Karsten Bäumer, Leiter Kommunikation & PR, sagt. Und das mit besonderen Funktionen und emotionalen Talenten.

Sanft gesteuerte Lichtübergänge

Das „SlightLift“-Prinzip teilt den Oberschrank in zwei Ebenen. Wird die untere geöffnet, schiebt sich dieser Teil der Möbelfront hinter den oberen, noch feststehenden Teil. Halb geöffnet, sorgt ein LED-Band an der Unterseite der oberen Front für eine optimale Beleuchtung und setzt den Schrankinhalt dekorativ in Szene. Möchte der Nutzer Zugriff auf den oberen Schrankteil, schwenkt er beide Fronthälften zusammen nach oben, wobei das Licht an der Frontkante sanft erlischt und ähnlich behutsam eine Leiste mit Leuchtdioden im oberen Schrankteil aktiviert wird. Gerade diese wie gedimmt wirkende Parallelität von Bewegung und Lichtsteuerung schafft jene emotionalen Effekte, die den „SlightLift“ von anderen beleuchteten Oberschränken unterscheidet. Wer abends die Küche in eine stimmungsvolle Ambientebeleuchtung tauchen möchte, schiebt also einfach die unteren Möbelfronten nach oben. Auch so kann der „SlightLift“ genutzt werden.

Offen für kundenspezifische Projekte
Für die Umsetzung der Lichtsteuerung wurde Spezialist Halemeier mit ins Boot geholt. Im Kern basiert die Entwicklung jedoch auf der partnerschaftlichen Zusammenarbeit des Küchenmöbelherstellers und des Beschlagspezialisten aus Bad Essen. Für Kesseböhmer erhalten punktuelle Projektpartnerschaften wie diese ein immer höheres Gewicht. „Wir entwickeln natürlich auch weiterhin eigenständige Ideen, die wir mit allen unseren Kunden aus der Küchenmöbelindustrie diskutieren“, sagt Thomas Herden, Vertriebsleiter Deutschland bei Kesseböhmer, „darüber hinaus öffnen wir uns aber noch intensiver kundenspezifischen Projekten.“ Diese „individuellen Entwicklungspartnerschaften“ können sich auf optische Differenzierungen und Individualisierung der Schrankausstattung im Rahmen der Plattformkonzepte beziehen oder, wie jetzt beispielhaft mit Häcker realisiert, auf komplette Neu-Entwicklungen. Dabei stehen neben dem Produkt stets auch kundenspezifische Aspekte rund um Logistik, Produktion und Montage im Fokus. Die Größenordnung der hier beschriebenen Projektpartnerschaft ist allerding auch für eine Branchengröße wie Kesseböhmer besonders.

Kompetent und leistungsfähig
Häcker wiederum traf die Wahl des Projektpartners mit Bedacht, denn laut Michael Dittberner sei schnell klar gewesen, dass der „SlightLift“ kein elitäres Premiumprodukt innerhalb der „systemat“-Schiene von Häcker sein soll, sondern auch dem mengenstarken „classic“-Programm zur Verfügung stehen soll. Gesucht wurde also ein Entwicklungs- und Produktionspartner mit Kompetenzen in Konstruktion und Fertigung. Die Kinematik von Lift-Beschlägen ist dazu ein wichtiges Stichwort. Gefragt war aber auch eine solide Finanzkraft, um die Investitionen, die mit einem derart ambitionierten Projekt verbunden sind, stemmen zu können. Deren Umfang sei am Anfang noch gar nicht absehbar gewesen, so Michael Dittberner. Deshalb stand der Punkt „praxisnahe Kalkulation“ ebenfalls im Pflichtenheft. Und nicht zuletzt ging es um die Frage möglicher Kapazitäten. Immerhin produziert Häcker 200.000 Küchen im Jahr – mit steigender Tendenz. Sollte die Nachfrage nach „SlightLift“-Schränken in die Höhe schießen, muss die Verfügbarkeit verlässlich gegeben sein.
Nach einigen Sondierungsgesprächen im Markt entschied sich der Küchenmöbelhersteller schließlich für Kesseböhmer. Hier stimmten die genannten Rahmenbedingungen. Zudem hatte man schon in der Vergangenheit erfolgreich Projekte miteinander realisiert. Und da Inhaber Oliver Kesseböhmer, ähnlich wie die Finkemeiers in Rödinghausen, von der Idee „SlightLift“ persönlich überzeugt war, konnte es losgehen. Das ambitionierte Ziel: Präsentation als serienreifes Produkt auf der Hausmesse 2017.

Absolute Vertraulichkeit
Das erste Treffen auf operativer Ebene fand im Februar 2016 statt. Der Teilnehmerkreis des gemeinsamen Arbeitskreises beschränkte sich im Kern auf insgesamt sieben Mitarbeiter aus beiden Unternehmen, hinzu kamen rund ein Dutzend weitere Fachleute, die je nach Projektstand einbezogen wurden. Die Federführung hatte der Küchenmöbelhersteller. Dabei ging es um breit gefächerte Themen wie Konstruktion, Fertigung, Einkauf und Marketing. Absolute Vertraulichkeit war dabei für alle oberstes Gebot, denn das Projekt „SlightLift“ lief unter höchster Geheimhaltungsstufe.
Verschwiegenheit und die vertrauensvolle Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg: Beides habe bestens funktioniert, bestätigen Michael Dittberner und Thomas Herden. In der praktischen Umsetzung konnten die Teams eigenständig agieren und auf kurzen Wegen alles klären, was es zu klären gab. Dies wirkte sich offensichtlich förderlich aus. „Motivation und Engagement waren extrem hoch“, berichten die Projektpartner übereinstimmend.

Entwicklung nah an der Idee
Acht Prototypen des Doppelbeschlags sind über die Zeit entstanden. Schließlich mussten die Konstrukteure mehr als 250 Einzelteile zusammenführen. Und das auf engstem Bauraum. Im Ergebnis ist die gesamte Technik fast unsichtbar im Schrank integriert. Dass die Grundidee von Jochen Flacke dabei immer noch erkennbar ist, spricht für die Kompetenz der Konstrukteure.
Parallel waren die Vertriebs- und Marketingfachleute gefordert. Ein wichtiger Punkt: die Namensgebung. Denn wenn ein international agierendes Unternehmen wie Häcker eine Innovation dieses Kalibers in den Markt bringen will, muss wirklich alles stimmen: von der Eingängigkeit des Begriffs, über die Wortbedeutung in anderen Sprachen bis hin zur rechtlichen Situation national wie international. Unter diesen Gesichtspunkten hat der Produktname „SlightLift“ einen hohen kreativen Anspruch. Er beinhaltet drei wesentliche Funktionen: „Slide“ und „Lift“ als Hinweis auf die Öffnungsbewegung sowie „light“ (Licht) für die besondere Emotionalität, die durch die Lichtsteuerung realisiert wird. Inzwischen hat sich Häcker patentrechtlich global abgesichert. Das bezieht sich auf die Technik aber auch auf die Wort-Bildmarke.

Rund 1200 Musterküchen ausgestattet
Die Premiere auf der Häcker-Hausmesse im September 2017 dürfte Projektmitarbeitern und Verantwortlichen gefallen haben. Die Kunden aus dem Handel waren durchweg interessiert, viele sogar schlichtweg begeistert. Die Medienresonanz war ebenfalls groß. Mit dem „SlightLift“ kann sich der einzelne Händler im Wettbewerbsumfeld differenzieren. Es sei eine „sinnvolle und verkäufliche Alleinstellung“, so das Unternehmen.
Aktuell (Stand Mitte Dezember 2017) wurden rund ein Drittel der seit September ausgelieferten 3500 Musterküchen mit dem „SlightLift“ ausgestattet. Bestellungen werden ebenfalls seit der Hausmesse angenommen. Die Serienreife ist gegeben. „Wir wollen keins der anderen Öffnungssysteme ablösen“, betont Michael Dittberner abschließend, „aber das Thema selbstbewusst wachsen lassen.“ Es wird also weiter geschoben und geschwenkt bei Häcker. Separat – und kombiniert.

Was kostet das denn?
Wer sich mit dem „SlightLift“ näher beschäftigt oder die Technik gar live erlebt, kommt recht zügig an eine Stelle, an der sich die Frage aufdrängt: „Faszinierend, aber was kostet so ein Schrank denn im Vergleich zu einem herkömmlichen Produkt?“ Die Antwort darauf lässt sich allenfalls konstruieren, denn der „SlightLift“ ist von seiner Machart her unvergleichlich. Es handelt sich um eine echte Neuheit. Natürlich gibt es auch Schränke mit anspruchsvollen Beschlägen und ausgefeilter Lichtsteuerung – aber eben nicht in dieser konkreten Kombination mit diesem funktionalen und emotionalen Charakter. Um Planern dennoch einen groben Anhaltspunkt zu geben, nennt Häcker auf Reporterwunsch ein Plus in Euro von ca. 30 % pro Schrank.

(Dirk Biermann)


www.haecker-kuechen.de
www.kesseboehmer.de