19.09.2015

„Eins ist sicher“, sagt Ballerina-Geschäftsführerin Heidrun Brinkmeyer, „die Küche bleibt Mittelpunkt des Wohnens und wird als ‚urbane Feuerstelle‘ weiter an Bedeutung und emotionalem Wert gewinnen.“ Darüber hinaus sei extrem viel in Bewegung. Ein Interview mit KÜCHENPLANER-Chefredakteur Dirk Biermann.

Über Poggenpohl, Rational, AEG und ­Indesit führte der Weg von Heidrun ­Brinkmeyer zu Ballerina Küchen in Röding­hausen. Dort ist sie als Mitgesellschafterin Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb. Foto: Biermann

Raumprägende Optiken lassen sich zum Beispiel mit großformatigen Schiebetüren vor den Funktionsbereichen und bodentiefen Fronten realisieren. Foto: Ballerina

Mit einer speziellen generationenübergreifenden Komfortküche hat sich der Küchen­möbelhersteller auf den beginnenden demographischen Wandel vorbereitet. Foto: Ballerina

Foto: Biermann

KÜCHENPLANER: Ballerina ist eine erfolgreiche Fachhandelsmarke, die immer wieder mit neuen und frischen Ideen auf sich aufmerksam macht. Das ist kein Zufall, sondern liegt auch daran, dass sie als Küchenmöbelhersteller schon seit längerer Zeit über den Tellerrand des Alltagsgeschäfts hinausblicken und intensiv mit Hochschulen und Studierenden kooperieren, um sich dort Anregungen zu holen. - Frau Brinkmeyer, würden Sie dieser These als Ausgangspunkt für unser Gespräch zustimmen?
Heidrun Brinkmeyer:
Für uns ist es tatsächlich interessant, die Ideen der jungen Menschen zu sehen und ihnen zuzuhören. Das gilt fürs Design und für die Technik. Über die DER KREIS-Stiftung arbeiten wir mit den Hochschulen in Wismar und Furtwangen zusammen, früher auch mit der Hochschule Coburg. Hinzu kommen Kooperationen hier in der Nähe mit der Fachhochschule Ostwestfalen-Lippe. In Lemgo mit dem Fachbereich Technik, in Detmold mit den angehenden Architekten und Innenarchitekten.

Ist dieses Engagement ein Steckenpferd von Ihnen ­persönlich?
Heidrun Brinkmeyer:
Als Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb ist es natürlich eine meiner vorrangigen Aufgaben, Input von außen zu holen. Aber längst zieht sich diese Strategie durchs gesamte Unternehmen. Unser Technik-Geschäftsführer Heiko Ellersiek und sein Team sind im ständigen Austausch mit Professoren und Studierenden der technischen Fachbereiche.

Wie fließen die Ergebnisse dieses Engagements bei Ballerina ein?
Heidrun Brinkmeyer:
Studierende des Fachbereichs Architektur aus Detmold haben zum Beispiel unseren Messestand in Köln auf der LivingKitchen entworfen, und der Fachbereich Technik aus Lemgo unterstützt uns bei der Analyse unserer Fertigungsabläufe. Viele Anregungen fließen auch in unsere Kollektionsentwicklung ein und haben durchaus die Chance umgesetzt zu werden, wenn sie vermarktungsfähig sind.

Mit Blick auf diese Produktentwicklung: Wie würden Sie die Stellung von Ballerina im Markt beschreiben?
Heidrun Brinkmeyer:
Wir sind inzwischen Trendsetter und vom Jäger zum Gejagten geworden.

Womit werden Sie gejagt?
Heidrun Brinkmeyer:
Viele unserer Innovationen und Ideen werden kopiert und dann über den Preis angeboten. Was ich unserer Branche sehr ankreide.
Wir als Branche, damit meine ich Hersteller und Handel, müssen verstehen, dass wir nicht vorrangig im Mitwettbewerb zueinander stehen. Unsere Konkurrenz sind iPhone, iPad und andere moderne medialen Produkte. Und natürlich die Klassiker Autos und Reisen.
Die westeuropäischen Märkte sind gesättigt, hier steht nicht mehr der Preis im Vordergrund, sondern der Nutzen, den ein Käufer für sein Geld bekommt.

Wie wird sich die Sättigung der Märkte in der Küchen­branche ihrer Meinung nach auswirken?
Heidrun Brinkmeyer:
Der Markt wird sich weiter spalten. Auf der einen Seite werden die Massenvermarkter und zukünftig das Internet Küchen über den Preis vermarkten und auf der anderen Seite die Küchenspezialisten die Küche mit Service und Mehrwert anbieten. Bei den Spezialisten sehen wir als Ballerina unseren Absatzmarkt.

Also ein klares Bekenntnis für den Küchenspezialisten und eine klare Absage an die Vermarktung über die Großfläche?
Heidrun Brinkmeyer:
Ja – und es ist vor allem eine Absage an eine rein mengenmäßige Vermarktung. Menge ist nicht unser Ziel. Der billigste Anbieter zu sein ist auch nicht unser Ziel. Wir wollen ein gesundes Wachstum. Und das mit einer gelebten Partnerschaft, die alle, die daran be­tei­ligt sind, zufriedenstellt. Den Händler, den Kunden und uns als Hersteller.
Der spezialisierte Küchenfachhandel ist allein deshalb schon unser favorisierter Ansprechpartner, weil wir ein sehr breites Sortiment mit präg­nanten Alleinstellungsmerkmalen haben. Schon unser Standardprogramm ist das umfangreichste am Markt. Damit muss man als Planer umgehen können. Für das hochwertige Möbelhaus gilt das alles natürlich auch.

Ist ein breites Sortiment überhaupt noch zeitgemäß? Aktuell arbeiten viele Küchenmöbelhersteller eher daran, die Komplexität ihrer Programme zu reduzieren. Um Kosten zu sparen.
Heidrun Brinkmeyer:
Vielfalt und Variantenreichtum sind uns wichtig. Wir machen Küchen für Spezialisten, die Räume einrichten und ausstatten. Wer mehr als eine einfache Küchenzeile aufstellen will, braucht auch mehr als eine Handvoll Möglichkeiten. Oder anders gesagt: Wer sich über den Preis definiert, muss Komplexität reduzieren. Wir setzen stattdessen auf Vielfalt und machen Komplexität beherrschbar.

Wie kriegen Sie das hin?
Heidrun Brinkmeyer:
Das beginnt mit guten Mitarbeitern und einer Arbeitsatmosphäre, die auf Verantwortung und Fairness basiert. Ballerina, das sind 270 Mitarbeiter. Alle haben das Ziel, gemeinsam für unsere Kunden, den Küchennutzern, Planern und Händlern, hochwertige individuelle Küchen zu produzieren. Jedem von uns ist bewusst, dass wir nur so langfristig unsere Arbeitsplätze sichern können. Dabei sind alle Arbeitsbereiche wichtig. Egal, ob es um die Sachbearbeitung, den Einkauf, die Fertigung, die Geschäftsleitung oder die Fahrer auf dem Lkw handelt. Jeder trägt für seinen Platz Verantwortung. Und das wirkt sich auf die Produktqualität aus. Wenn jeder mitdenkt, seine Verantwortung sieht und sein Bestes gibt, lassen sich auch komplexe Programme sehr gut handhaben. Das beweisen unsere Mitarbeiter jeden Tag.

Also der Mitarbeiter als Erfolgsfaktor Nr. 1?
Heidrun Brinkmeyer:
Das können Sie so sagen. Diese Firmenphilosophie lebt unser Firmengründer Heinz-Erwin Ellersiek vom ersten Tag an. Seit der Gründung von Ballerina im Jahr 1978. Eine seiner Überzeugungen ist zum Beispiel, dass Mitarbeiter fair bezahlt werden müssen. Bei uns gibt es keine Leiharbeiter und keine Zeitverträge. Und keine Fluktuation: Wer bei Ballerina anfängt, geht dort meist auch in Rente. Lehrlinge bekommen eine Arbeitsplatzgarantie. All das erzeugt ein ganz starkes Wir-Gefühl. Davon profitieren natürlich auch unsere Kunden.

Der so häufig skizzierte Fachkräftemangel ist bei Ballerina also kein Thema?
Heidrun Brinkmeyer:
Nein.

Welches ist ihre Rolle dabei als Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb?
Heidrun Brinkmeyer:
Ich vertrete Ballerina nach außen zum Handel und kämpfe jeden Tag dafür, dass der Markt unsere Mehrwerte erkennt.

Die da sind?
Heidrun Brinkmeyer:
Für unsere Fachhändler wichtig: Eine starke Preisstabilität in der Vermarktung. Und eine für den Preis sehr gute Qualität. Auch durch unsere Alleinstellungsmerkmale hat kein Händler das Interesse, Ballerina unter Preis zu verkaufen.
Zum Beispiel der DUK, der ultimative Korpus. Der DUK steht für eine sehr hohe Korpus-Grundqualität mit einer stärkeren Beschichtung, 8 mm Rückwand und 19 mm Querböden. Das alles gibt dem Korpus zusätzliche Stabilität. Hinzu kommt eine edle Optik mit 26 Standard-Korpusdekoren innen und außen dekorgleich. Weitere echte Erfolgsgeschichten mit Mehrwert-Faktor sind Original-Resopal, das RAL-Farbkonzept und das Ritzenhoff-Glasdesign.

Wie läuft es mit der „Komfort-Küche“, die sie 2014 vorgestellt haben?
Heidrun Brinkmeyer:
Die Komfort-Küche ist eine Entwicklung und eine Idee für die Zukunft. 2020, also in 5 Jahren, werden 30,5% der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein. Da die Lebenserwartung in Europa inzwischen bei 82 Jahren liegt, wird es zukünftig selbstverständlich sein, dass man auch mit 70 Jahren noch eine neue Küche kauft. Diese soll dann natürlich entsprechend mit dem Komfort der einfachen Bedienung ausgestattet sein.

Sieht so die Küche der Zukunft aus: Möbel im „Universal Design“ und mit hohem Komfortanspruch, damit sich ein 30-Jähriger Nutzer darin genauso wohlfühlt wie ein 70-Jähriger?
Heidrun Brinkmeyer:
Grundsätzlich sind diese Aspekte wichtig und mit Blick auf die demographische Entwicklung haben wir uns darauf vorbereitet. Dabei sind wir uns bewusst, dass Neuheiten im hochwertigen Bereich der Küchenplanung oft zwei bis drei Jahre brauchen, bis sie im Markt greifen. Wir bei ­Ballerina stehen zu unseren Ideen und haben Durchhaltevermögen. So wird es zur Hausmesse im September auch neue Umsetzungen der höhenverstellbaren Kücheninsel geben.
Und trotzdem wird die ausgeklügelte ergonomische Funktionsküche künftig nicht das alleinige Maß der Dinge sein. Im Austausch mit den Studierenden erleben wir stets aufs Neue, wie unterschiedlich das Thema Küche gesehen wird und gelebt werden will. Alles wird noch sehr viel individueller. Wohnbereiche verschmelzen nicht nur miteinander, ganze Lebensbereiche mischen sich. Die Küche wird immer mehr der Lebensmittelpunkt werden. Analog zur Idee einer urbanen Feuerstelle. Und um diese Feuerstelle herum leben, genießen und arbeiten wir.

Wenn alles immer individueller wird, woran kann man sich denn überhaupt noch orientieren als Küchen­planer?
Heidrun Brinkmeyer:
Wir sehen, dass der puristische Bauhausstil an Einfluss verliert bei der heranwachsenden Generation. Küche verändert sich, sie wird romantischer, wohnlicher und weicher. Mit Küchenmöbeln soll nicht nur mehr ein Raum gestaltet werden, viel mehr geht es oft um die Gestaltung eines Lebensgefühls.
Wir haben das bei Ballerina als Spannungsfeld „Raumgestaltung versus Stauraumkonzept “ formuliert. Es wird einerseits Küchen und Wohnungen mit optimierten Stauraumkonzepten geben, denn gerade in den Städten steht immer weniger Wohnraum zur Verfügung, sodass sich ungenutzter Raum von allein verbietet. Und dann wird es Umsetzungen geben, bei denen die Küche für den gesamten offenen Wohnraum designprägend sein soll. Mit großformatigen Schiebetüren vor den Funktionsbereichen und bodentiefen Fronten lassen sich solche wohnlichen Optiken realisieren. Bei dieser Variante gehen ­Küchen- und Wohnmöbeln nahtlos ineinander über.
Darüber hinaus gibt es weitere Konzepte mit entgegengesetzten Polen: „Convenience versus genussorientierter Hobbykoch“ bzw. „Fastfood versus Vegetarier/Veganer“. Das sind gegensätzliche Bedürfnisse für die es unterschiedliche Küchen­angebote geben muss.

Wie findet bei diesem Szenario die Vernetzung den Weg in die Küche? Oder anders gefragt: Wie sieht die Generation, die künftig für die Küchenentwicklung zuständig sein wird, diesen Fall. Sie haben da ja einen direkten Draht.
Heidrun Brinkmeyer:
Die Entwicklung driftet in zwei Richtungen. Es wird Kunden geben, die sich komplett durchdigitalisieren wollen, um zum Beispiel via Skype mit der Enkelin in New York „gemeinsam“ zu kochen. Und es wird Kunden geben, für die Kochen und Genuss mit Familie und Freunden Handarbeit bleiben soll. Für die wird der vernetzte Backofen kaum eine Rolle spielen. Genuss und Freude in der Küche wird aber für beide Gruppen immer wichtiger. Die einen schätzen die digitale Unterstützung, die anderen krempeln die Ärmel hoch und schwören auf die Ursprünglichkeit handwerklichen Tuns.
Als Küchenmöbelhersteller müssen wir für beide Bedürfnislagen Lösungen im Programm haben. Für die vielen Graustufen aber auch. Umsetzen wird es dann der Planer vor Ort. Und dafür braucht er viele Möglichkeiten.

Abschließend auf den Punkt gebracht: Warum soll sich ein Küchenplaner mit Ballerina beschäftigen? Und für wen sind Ihre Programme überhaupt geeignet?
Heidrun Brinkmeyer:
Ballerina bietet das umfangreichste Produktangebot in Deutschland an. Somit findet jeder Händler ausreichende Möglichkeiten, sich mit den für ihn am besten funktionierenden Alleinstellungsmerkmalen vom Markt abzusetzen. Dieses erfordert Planungskompetenz, Kreativität und Montagekompetenz in der Abwicklung. Eigenschaften, die vorrangig im Küchenspezialhandel oder im hochwertigen mittelständischen Möbelhaus zu finden sind.

www.ballerina.de


Raumgestaltung versus Stauraumkonzept
Laut Ballerina bewegt sich die Küchen­planung zunehmend zwischen den Polen „Stauraumoptimierung“ und „Raumgestaltung“. Hintergrund ist die Überzeugung, dass intelligente ergonomische Ausstattungsdetails immer wichtiger werden, diese aber nicht das alleinige Planungsmaß sein werden. Da besonders in den Städten immer weniger Wohnraum zur Verfügung steht, werden optimierte Stauraumkonzepte an Einfluss gewinnen. Demgegenüber stehen Umsetzungen, bei denen die Küche für den gesamten offenen Wohnraum designprägend sein soll. Hier zwei Beispiele.


Zahlen und Fakten
Ballerina Küchen wurde 1978 von Heinz-Erwin Ellersiek gegründet. Das Unternehmen am Standort Rödinghausen beschäftigt aktuell 270 Mitarbeiter. 2014 wurden rund 25000 Küchen gebaut und damit 63,5 Mio. Euro umgesetzt. Vor fünf Jahren waren es 30,3% Umsatz (= 19,2 Mio. Euro) weniger. ­Ballerinas Exportquote beträgt 50%. Das Unternehmen ist in 28 Ländern präsent, mit Schwerpunkt Westeuropa. Langfristig sieht Heidrun ­Brinkmeyer, Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb, das Wachstums­potenzial eher im Export. Aber mit Blick auf die Vermarktungsqualität und den Durchschnittspreis pro Küche, böte auch der deutsche Markt noch „deutlich Luft nach oben“. Vor dem Hintergrund einer langfristig angelegten Nachfolgeregelung sind die beiden Geschäftsführer Heidrun Brinkmeyer und Heiko Ellersiek (Technik) bereits heute am Unternehmen beteiligt.