Start-up mit Küchenmöbeln
21.02.12 - 07:52 Uhr
Der Geist von E+K-Küchen lugt um manche Ecke, als reine Nachfolgegesellschaft des vor rund drei Jahren in die Insolvenz gerutschten Küchenmöbelherstellers will sich das neu gegründete Unternehmen MeinE Küche aber nicht verstanden wissen. Lieber als Startup – und das in der von Überkapazitäten belästigten Küchenmöbelbranche.

Lust auf individuellen Küchenbau, das Leitungsteam von MeinE Küche (von links): Volker Wittland, Klaus Adamek, Jeroen Hoogwerf und Aard von de Kamp.

Das Unternehmen produziert an der Industriestraße 70 in Hiddenhausen.
Industriestraße in Hiddenhausen: eine prominente Küchengegend. Hier hat Wellmann seinen Stammsitz und Wellmann-Mutter Alno ihre ostwestfälische Ausstellung, hier öffnet der MHK-Verbund zu Messezeiten seine Türen, Brigitte Küchen produziert in Sichtweite, und bis vor Kurzem florierte hier im September die Fachmesse Focus Küche & Bad. Auch E+K-Küchen baute in dem Viertel lange Jahre anspruchsvolle Küchen; keine zwei Steinwurf von der Industriestraße entfernt. Zumindest bis Frühjahr 2009, dann kam die Insolvenz über das Unternehmen und nach einem kurzen Gastspiel von GK’s (German Kitchens) haben die Sägen endgültig ausgesummt. Vieles, wofür E+K-Küchen in der Branche geschätzt wurde, will MeinE Küche nun fortsetzen bzw. neu aufleben lassen. Besser, schlanker, persönlicher. Das Credo lautet: „Gute Qualität, flexible Abwicklung, attraktives Preis-Leistungsverhältnis – und ein enger Kontakt zum Handel.“ Wobei die Verantwortlichen betonen: „Wir haben zwar einen gemeinsamen E+K-Hintergrund, wir sind aber keine direkten E+K-Nachfolger.“ Auch die Betriebsanschrift ist schließlich eine andere: Industriestraße 70, die ehemaligen Räume der Tischlerei Tönsing, Fenster und Türen.
Holländischer Investor
Das WIR, aus dem sich das Unternehmen MeinE Küche GmbH & Co. KG zusammensetzt, sind Prokurist Aard van de Kamp (maßgeblicher Initiator des Projekts), Klaus Adamek, zuständig für Produktentwicklung, Ausstellungsplanung und den Vertrieb in Deutschland, Volker Wittland, verantwortlich für EDV, Internet, Marketing und den Verkaufsinnendienst, sowie als Geschäftsführer Jeroen Hoogwerf aus der Familie des Investors, der hinter MeinE Küche steht. Das ist die Hoogwerf Holding B.V. mit Sitz in Utrecht, Niederlande. Deren Seniorchef Johan Hoogwerf, 65, hatte über fast 30 Jahre ein Immobilienunternehmen aufgebaut, dies im vergangenen Jahr verkauft und nach einer neuen Anlagemöglichkeit für das freigewordene Geld gesucht. Da die Familie auch über Küchenerfahrung verfügt, Sohn Jeroen führte 14 Jahre ein eigenes Küchenstudio, fiel die Wahl auf die Küchenbranche. Zumal Jeroen Hoogwerf früher mit E+K-Küchen gehandelt hatte. Seine heutigen Mitstreiter sind ihm aus dieser Zeit bestens bekannt: van de Kamp war freier Handelsvertreter für E+K in den Niederlanden, Adamek als freier Produktentwickler und Außendienstreisender in Süddeutschland für den ostwestfälischen Küchenbauer aktiv, und Volker Wittland aus einer der beiden früheren Inhaberfamilien von E+K managte schon damals alles, was mit EDV, Internet und Marketing zu tun hatte. Komplettiert wird die Gruppe der Akteure von Fred Meerloo, der wie Aard von de Kamp und Klaus Adamek Kommanditist der MeinE Küche GmbH & Co. KG ist.
Viel Zuversicht
Dass die Branche in Zeiten von Insolvenzen, Konzentrationsprozessen und Überkapazitäten nicht gerade die Hände ringt nach einem neuen Küchenmöbelhersteller, ist den Jungunternehmern vollauf bewusst. Dennoch herrscht große Zuversicht, dass „es noch Platz gibt für einen Anbieter individueller Küchen“. Dies meinen wohl auch einige alte E+K-Händler in Deutschland und den Niederlanden, die nicht lange überredet werden mussten, um sich mit dem Programm von MeinE Küche aktiv zu beschäftigen. Beim Blättern in den bewusst schlank gehaltenen Verkaufsunterlagen fällt der Blick auf zeitgemäß moderne Küchen, mal mit, mal ohne Griffe; auch eine schwebende Küche sei in Planung; anlehnend an das Concept-System von E+K, aber mit „einem bezahlbaren Aufhängesystem“. Die Bandbreite der Oberflächen reicht von der melaminbeschichteten Kunststoff-Front bis hin zum Hochglanzlack. Hinter der Front arbeiten ausschließlich Scharniere und Bewegungssysteme von Blum; auch Innenausstatter Kesseböhmer ist an Bord. Dass sich die aktuellen Verkaufsunterlagen bewusst übersichtlich präsentieren, nämlich „höchstens ein Drittel so stark wie herkömmliche Verkaufshandbücher“, liegt daran, dass sich MeinE Küche auf die wichtigen Typen konzentriert. Stückzahl Eins sei dennoch möglich, ebenso individuelle Anpassungen zu einem symbolischen Mehrpreis von 10 Euro pro Maßänderung.
Die ersten Küchen wurden bereits im November 2011 ausgeliefert – nur sechs Monate nach dem offiziellen Betriebsbeginn Mai. Ein sportlicher Auftakt, denn im Frühjahr 2011 hatte es nichts weiter gegeben als eine leere Halle – keine Maschinen, keine Menschen, keine Software, keine Schreibtische, Schränke oder Bürostühle.
Mit dem Wachstum investieren
Produziert werden die Küchenmöbel auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern; aktuell von sieben Mitarbeitern, die alle schon bei E+K beschäftigt waren. Insgesamt sind zwölf Menschen für MeinE Küche tätig. „Wir können entsprechend der Umsatzentwicklung wachsen und analog dazu in weitere Mitarbeiter und Betriebsmittel investieren“, sagt Volker Wittland und nennt damit einen wichtigen Aspekt der Neugründung im Vergleich zu einer Betriebsfortführung eines angezählten Unternehmens. „Es gibt keinen Überbau mit entsprechenden Fix-Kosten, der auch dann finanziert werden muss, wenn es nicht so gut läuft.“
Bis dato hat der Investor rund 700.000 Euro in das Unternehmen investiert: in neue und gebrauchte Maschinen, in die angepasste Software und die EDV, in die Betriebsstätte und die Mitarbeiter. Und natürlich in die Produktentwicklung; hier verweist Aard van de Kamp auf den im Vergleich zu E+K-Zeiten optimierten 19er-Korpus mit 8 mm Rückwand im 13er-Raster. Zur Verfügung stehen drei Korpus-Grundfarben: premium White, oyster (magnolie) und basalt (Schlammgrau). Mit diesem Grundkorpus kann noch reibungsloser geplant werden. Und kostengünstiger dazu, sei doch die Preisgestaltung eines der Hauptprobleme von E+K gewesen. „In einigen Produktgruppen sind uns damals die Preise davongelaufen und wir haben zu spät reagiert“, bestätigt auch Volker Wittland. Dies soll nun alles anders werden, denn man habe aus den alten Fehlern gelernt.
Platz für 5 Mio. Euro Umsatz
Die aktuelle Betriebsstätte an der Industriestraße bietet Platz für umgerechnet ca. 5 Mio. Euro Umsatz. Die wollen erstmal erwirtschaftet werden. „Für die Postleitzahlgebiete 4, 5 und 6 haben wir bereits einen freien Handelsvertreter an Bord“, sagt Klaus Adamek, der für den Vertrieb in Deutschland zuständig ist und in dieser Position so manchen Autobahnkilometer abspult – denn auch die übrigen Gebiete zwischen Küste und Alpen sollen schon bald flächendeckend mit Ansprechpartnern und MeinE Küche-Händlern versorgt sein. „Zwei Jahre sehen wir als Aufbauzeit“, erläutert Adamek und setzt besonders auf Kontakte zu den klassischen Studios und zu Küchenplanern, für die es normal ist, Küchen im Durchschnittswert von 12.000 bis 14.000 Euro zu planen und zu verkaufen – zu Endverbraucherpreisen inklusive Geräten und Zubehör aus der gehobenen Mittelklasse. Wobei es nach oben wie stets im Küchengeschäft keine oder allenfalls sehr durchlässige Grenzen gebe.
Vorerst das größere Vertriebspotenzial sehen die Verantwortlichen indes bei den Nachbarn in den Niederlanden. „Einige stabile Kontakte aus E+K-Zeiten konnten reaktiviert werden, neue bauen sich auf“, erklärt Aard van de Kamp. Dass der niederländische Markt zuletzt alles andere als glänzte, schreckt die Akteure nicht: „Wir sind überzeugt, dass es auch dort genügend Platz für individuelle Küchen gibt, so wie wir sie bauen.“ An der Industriestraße 70 in Hiddenhausen, einer prominenten Küchengegend.
www.meinekueche.eu
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